Labrador – ein Stück vom weiten Land

Kurz und knapp. Anstatt mit der Fähre von Neufundland zurück nach Nova Scotia zu fahren, entscheiden wir uns, den “kleinen” Umweg über Labrador zu nehmen. Von der Küste bis Labrador City sind es ca. 1100 km, außer kleinen Ortschaften an der Küste und Arbeiterstädtchen im Landesinneren gibt es ausschließlich Wald, Weite und Wildnis. Wir sind sehr froh, den Abstecher gemacht zu haben und können uns auch weiterhin am Anblick von Nadelwald, Seen und Beeren erfreuen. Die Strassen waren entgegen der Erwartung in sehr ordentlichem Zustand. Teilweise Schotterstraßen, aber gewartet und gut in Schuss!

Reisezeit: 11.8.-17.8.2016
Gefahrene Kilometer: 1361 km

Blanc Sablon – Red Bay – St. Lewis – Happy Valley Goose Bay – Labrador City

Daten und Fakten. Mit der Apollo setzen wir von St. Barbe nach Blanc Sablon (Quebec) in Labrador über. Eine Reservierung empfiehlt sich, wir haben drei Tage vor Abfahrt schon nicht mehr unseren Wunschtermin bekommen. Natürlich sind wir nicht gestartet, ohne vorher nochmals getankt und eingekauft zu haben. Immerhin fahren wir ins “weite Land”, nur 30.000 Einwohner auf einer Fläche von 294.330 km^2. Wir stellen uns auf erhöhte Preise und Isolation ein. Gleich zwei Zeitzonen gelten hier: in den Labrador Straits gilt Neufundlandzeit, im restlichen Labrador wird auf Atlantikzeit umgestellt. Fahren wollen wir den Trans Labrador Highway. Dieser verläuft zunächst an der Küste, dann Richtung Norden nach Happy Valley Goose Bay (Route 510) und geht weiter nach Labrador City (Route 500) mit immerhin 7400 Einwohnern. Die Strecke bis Labrador ist 1100 km, wurde erst 2009 komplett fertig gestellt und ist für einige hundert Kilometer nicht asphaltiert und gilt deshalb als “raue Piste”. Da keine Netzabdeckung vorhanden ist, empfiehlt das Besucherzentrum das Mitführen eines Satellitentelefons, die auch kostenlos geliehen werden können. Uns scheint das etwas übertrieben, deshalb verzichten wir und vertrauen auf ein zuverlässiges Hottahü. Wir sollen nicht enttäuscht werden.

Ankunft in Blanc Sablon. Labrador empfängt uns mit Nebel und einem Temperatur-Sturz auf ca. 7-14 Grad. Der erste Stop zu dem Besucherzentrum in Blanc Sablon ist ein Volltreffer. Ein besonders motivierter und engagierter Mitarbeiter hat auf der Karte Nummern eingezeichnet und gibt uns die passenden Prospekte, ebenfalls nummeriert. Viele der Empfehlunen wie Vögel beobachten müssen jedoch ausfallen, bei Nebel sehen wir nicht einmal die Felsen. Der interpretative Pflanzen-Weg gefällt uns auch bei Nebel, nur die Aussicht fehlt. Außerdem empfiehlt er uns einen Fisch-Direktverkauf für geräucherten Lachs, da schlagen wir natürlich zu. Der Laden ist eigentlich nur ein Büro, aber doch, hinten in der Ecke entdecken wir eine Kühltruhe. Wir kriegen was wir wollen und haben 2 Tage ein tolles Mittagessen. Dazu gibt es Knäckebrot mit Boursin, einem französischen Weichkäse, den wir Quebec-sei-Dank auch im Tante-Emma-Supermarkt finden. Über die Besonderheiten von Québec an anderer Stelle mehr…

Wir übernachten dicht hinter der Grenze zu Labrador, um am nächsten Tag im hiesigen Besucherzentrum Informationen zu Wanderwegen und dem aktuellen Straßenzustand einzuholen, der laut Aussage von anderen Reisenden in Ordnung zu sein scheint, genauere Informationen bekamen wir nicht.

Auf dem Weg kommen wir an dem höchsten Leuchtturm der kanadischen Atlantikküste vorbei, dem Point Armour Lighthouse. Den kostenpflichtigen Aufstieg sparen wir uns aufgrund der schlechten Sicht. Nicht so den sehr schönen battery trail bei L’Anse au Loup, der sich durch Fichten und Tannen windet und es plötzlich sogar nach Weihnachten riecht. Der kleine Ort L’Anse au Loup wird uns vor allem im Gedächtnis bleiben, weil es hier im Hafen eine kostenlose heiße Dusche gibt, die wir natürlich sofort nuten.

Black Flies. Sie gelten als Zeichen für saubere Luft. Ein gutes Zeichen könnte man meinen. Obwohl uns alle Reisenden gewarnt haben, werden wir doch überrascht ob der Penetranz dieser kleinen Kriebelmücken. Gleich am ersten Tag erwischen sie uns und beißen uns in Nacken und Ohren. Die Bisse schwellen an und das deutlich länger als bei normalen Stechmücken. Obwohl wir sogar eine Moskitonetzjacke haben, vermiesen die Insekten das Draußensein und wir verbringen mehr Zeit im Auto als uns lieb ist.

Red Bay liegt an Labradors Südküste und galt einst als größter Walfanghafen der Welt. Wir übernachten auf dem Wanderparkplatz auf der anderen Seite der Bucht und können am nächsten Morgen direkt die > 600 Stufen zum Aussichtspunkt des tracey hill trails nach oben steigen. Hier haben wir einen guten Blick auf den Ort Red Bay und die vorgelagerte Insel Saddle Island. Gerade als wir wieder heruntersteigen, kommt ein Filmteam an, das hier drehen möchte. Dem gleichen Team sind wir zwei Tage vorher schon auf der Fähre vor die Linse gelaufen, wer weiß, ob wir nicht bald im kanadischen Fernsehen zu sehen sind?

Die Basken siedelten Red Bay im 15.-16. Jahrhundert, haben 25.000 Wale gefangen und das gewonnene Öl nach Europa transportiert. Hier wurde es hauptsächlich als Lampenöl verwendet. Gefangen wurden zwei Arten der Glattwale, der Grönlandwal und der atlantische Nordkaper. Interessanterweise werde Glattwale auf Englisch noch immer right whales genannt, weil es für den Walfang genau die richtige Beute war, langsam und durch den hohen Fettgehalt schwammen sie oben und lieferten große Mengen Öl. Das Öl wurde aus dem Blubber der Wale durch Abkochen in riesigen Kesseln gewonnen. Die informative Ausstellung wurde durch einen Besuch auf Saddle Island ergänzt, auf der die Fundorte vieler Museumsstücke liegt. Wir wurden mit einem Boot auf der vorgelagerten Insel abgesetzt und waren eine Stunde lang die einzigen Besucher und konnten alles in Ruhe erkunden.

Trans Labrador Highway. Schließlich haben wir uns auf die Schotterpiste 510 nach Happy Valley Goose Bay gewagt. Unsere Erwartung an den Zustand war niedrig, haben uns doch Reisende berichtet, dass sie hier gleich zwei platte Reifen hatten. Der Zustand ist jedoch bestens (vielleicht schon nachgebessert?) und wir genießen die Weite der Landschaft. Zunächst ist es hauptsächlich felsig und die Nadelbäume sind mickrig klein. Hier sind besonders viele Beerensammler unterwegs, Blaubeeren und Moltebeeren (bakeapple) stehen auf der Liste. Später erfahren wir, dass für eine Gallone Moltebeeren 50 Dollar (35 €) gezahlt werden. Zwar lukrativ, aber bei uns wandern die Beeren hauptsächlich in den Mund und sind eine willkommene Abwechslung. Nach den ersten 100 km gewinnt der Wald an Höhe und Dichte, dieser Anblick bleibt uns bis Labrador City erhalten. Wir fragen uns, ob, wann und wem es auffallen würde, wenn wir uns ein kleines Häuschen mitten im Wald bauen würden…?

St. Lewis. Ein Abstecher vom Highway führt uns in das ehemalige Fischerdorf St. Lewis. Bei der Schlafplatzsuche stoßen wir auf einen riesigen Haufen Müll, der auf dem Berg oberhalb der Stadt angehäuft wurde. Wir fragen uns, ob es hier keine Müllabfuhr gibt und bekommen am nächsten Tag von einem Ortsansässigen die Antwort. Der Müll der gesamten Stadt wird hierhin gebracht, ein Jahr gesammelt und dann verbrannt. Es scheint außerdem einige Schwarzbären zu geben, die sich an dem Müll satt fressen und sich in der Stadt breitmachen. Die aus unserer Sicht sehr problematische Handhabung mit dem Müll wird hier jedoch nur teilweise kritisch gesehen; auf dem Berg sei es schon in Ordnung, nahe dem Lachsfluss wollen sie den Müll aber dann doch nicht. Auf der anderen Seite fragen wir uns, welche Alternativen es geben könnte, eine Abholung mit anschließendem Transport per LKW und Boot ist wohl auch keine Lösung. Bei einer alten Radarstation richten wir uns dann für die Nacht ein. Am nächsten Morgen werden wir von einem vorbeitreibenden Eisberg überrascht. St. Lewis ist Teil der Eisbergallee, hier kommen im Frühjahr alle Eisberge aus dem Norden vorbei und treiben dann weiter Richtung Neufundland. Um näher an den Eisberg zu kommen wandern wir zum Deep Creek und dann weiter zum Cape St. Lewis, so kommen wir außerdem an den östlichsten Punkt Festland-Kanadas.

Weiß-Grün-Blau. Labrador wird zusammen mit Neufundland zu der Provinz Neufundland-Labrador zusammengefasst. Um sich besser von der dominierenden Insel abzugrenzen, gibt es eine weitere, inoffizielle Flagge. Drei Streifen symbolisieren folgendes: weiß für den Schnee, grün für den Wald und blau für das Meer, außerdem ein Fichtenzweig, da die meisten Flächen mit Fichten bedeckt sind. Die Flagge wird im ganzen Land stolz gehisst, auch Mülltonnen, Häuser und Sonstiges sind oft in Landesfarben gestrichen.

Happy Valley Goose Bay ist die größte Stadt Labradors, wurde auf Sand gebaut und ist ein ehemaliger Militärstützpunkt. Wir nutzen die Einkaufsmöglichkeiten und füllen unsere Wasservorräte an einer Wohnmobilservicestelle auf. Das war auch dringend nötig: in Red Bay haben wir unsere Kanister mangels Alternative mit braunem Leitungswasser befüllt, was zwar kein Trinkwasser sei, aber von allen getrunken wird. Wir vertragen es zwar problemlos, sind aber heilfroh, es endlich gegen farbloses, als Trinkwasser deklariertes Wasser tauschen zu können. Hier bekommen wir auch gleich den nächsten Übernachtungstip. Nicht weit gibt es einen alten Campingplatz, der nie eröffnet wurde. Am See gelegen, mit nummerierten Plätzen nehmen wir Nummer 30 und sind fast die einzigen „Gäste“.

Land im Aufschwung. Erstaunt waren wir, wie frequentiert der Trans Labrador Highway genutzt wird. Meist sind es Arbeiter aus Neufundland. Der größte Arbeitgeber in Happy Valley Goose Bay ist der Energiekonzern Nalcor, der an den Muskrate Falls einen Staudamm bauen und den Strom bis Neufundland transportieren möchte. Ein Milliardenprojekt, dass viele Arbeitsplätze schafft. Oft sind die Arbeiter für 14 Tage in Camps untergebracht, haben lange Schichten und fahren/fliegen dann für eine Woche nach Hause.

Labrador City. Gegen alles was wir sonst in Labrador gesehen haben, ist Labrador City eine Stadt von Welt und wirkt mit seinen Shoppingcentern sehr mondän. Bekannt ist das Gebiet für den Eisenerztagebau, leider werden in Labrador keine Minenführungen mehr angeboten und wir werden auf die Mine in Fermont (Quebec) vertröstet. Wir nutzen die Infrastruktur und tanken das Nötigste nach und zahlen teure 1,29 $ pro Liter, knapp 30 Cent mehr als in Neufundland! Außerdem findet Till endlich die lang ersehnte Axt, sodass es bald wieder Lagerfeuer gibt. Übernachtet haben wir auf dem Parkplatz zum Skigebiet von dem auch ein netter Wanderweg startet, der im Winter gleichzeitig als Loipe genutzt wird.

Obwohl es in Labrador wenig Reiseführer füllendes gibt, hat es uns gut gefallen und war trotz langer Fahrstrecken kurzweilig. Für uns scheint es unvorstellbar, im Winter durch Eis und Schnee für 5 Monate von der Außenwelt abgeschnitten zu sein bzw. nur mit dem Schneemobil fahren zu können. Die meisten Einheimischen, die wir getroffen haben stört das gar nicht – im Gegenteil, auch im Sommer verlassen sie ihr Dorf nicht. Wir sind gespannt, wie das Nutzen der Ressourcen (bisher Eisenerzabbau und Stromgewinnung durch Staudämme) dieses weite Land mit unberührter Natur verändern wird.

 

6 Antworten auf “Labrador – ein Stück vom weiten Land”

  1. Reiner + Barbara Kleinert 22. August 2016 bei 16:35

    Hallo Ihr Lieben,

    haben auch diesmal Euren Beitrag mit großem Interesse und viel Spaß gelesen. Wie schon bei den letzten beschriebenen Zielen sind wir auch diesmal wieder begeistert von Eurer Route. Wär eindeutig auch was für uns.
    Wir entnehmen Eurem Bericht, dass Ihr auch die Schotterstrecke problemlos gemeistert habt und sogar noch Zeit zum “Spielen” im Sand gefunden habt.
    Die Fotos illustrieren Euren Weg wie gehabt sehr gut – es bleibt uns nur Euch auf dem weiteren Weg alles Gute zu wünschen – macht weiter so und habt viel Freude.

    Antworten

    1. Lieber Till, liebe Kathy (unbekannterweise),
      dank Barbara und Reiner habe ich die Möglichkeit, Eure fantastische Abenteuer-Reise zu verfolgen.
      Ich hoffe, es ist Euch recht?!

      Eure Berichte sind interessant und kurzweilig. Und dann diese unglaublich guten Fotos!!! (Bravo!)
      Alles atmet endlose Weite und große Freiheit! Darum beneide ich Euch und bewundere Euren Mut.
      Für die nächsten Etappen wünsche ich viel Glück!

      Herzliche Grüße
      von der alten Ute aus Braunschweig

      P.S.: …und Till, ich wusste gar nicht, dass Du nebenbei auch noch Automechaniker bist… 🙂 Hut ab!

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      1. Hallo Ute,
        vielen Dank für deinen Kommentar. Wir freuen uns, dass du unsere Reise verfolgst und hoffen auch in Zukunft interessante Berichte schreiben zu können. Hoffentlich werden wir Tills Automechaniker-Künste nicht zu oft in Anspruch nehmen müssen.
        Viele Grüße,
        Till & Katrin

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    2. Hallo ihr Beiden, vielen Dank für euren Kommentar. Die Schotterpiste war kein Problem für uns und Zeit zum Spielen sollte man sich immer nehmen! Und ja, diese Tour wäre bestimmt auch etwas für euch.

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  2. Ulrike Kemmerer 23. August 2016 bei 12:45

    Hallo Ihr Beiden.

    Ein toller Bericht und sehr schöne Bilder. Habe wie immer sehr gespannt und interessiert darauf gewartet. Weiterhin viel Glück und Spaß.
    Schicke Euch und dem Hottahue eine Umarmung.
    Eure Ulli

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    1. Hallo Mama/Ulli,
      danke für deinen Kommentar. Deine Umarmung ist schon angekommen.
      Bis bald, Till & Katrin

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