Neufundland – von wilden Tieren und der Jagd auf rote Stühle

Kurz und knapp. Nach unserem Start in Nova Scotia haben wir die letzten zwei Wochen in Neufundland verbracht und unsere Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Neben vielen Begegnungen mit freilebenden Tieren, wie Elchen, Karibus oder Walen haben wir uns in unser Reiseleben eingefunden. Die dünne Besiedlung und die ausgeprägte Gastfreundschaft haben uns dabei tatkräftig unterstützt. Nicht zuletzt sind wir den Spuren der roten Stühle durch viele Teile der Insel gefolgt…

Reisezeit: 26.07.2016 – 11.08.2016, 16 Tage
Gefahrene Kilometer in Neufundland:  2810 km
Zeit unterwegs (Gesamt): 1 Monat, 2 Tage

Port-aux-Basques – Stephenville – Cape St. George – Corner Brook – Harry’s Harbour – Terra Nova Nationalpark – Cape Bonavista – Gros Morne Nationalpark – St. Anthony – L’Anse aux Meadows

Warum. Dem Ruf der Wildnis folgend hat es uns nach Neufundland verschlagen: Die östlichste Provinz Kanadas hat ihre eigene Zeitzone, spricht einen eigenen Dialekt und wirbt mit Natur, Wildlife und Einsamkeit. Grund genug für uns, auf die Insel überzusetzen.

Ankunft in Neufundland. Deshalb ging es für uns von North Sydney in Nova Scotia mit Marine Atlantics nach Port-aux-Basques, Neufundland. Die Fähre hat am späten Nachmittag abgelegt und wir hatten eine ruhige Überfahrt. Da es keine Nachtfähre war konnten wir die Air Seats in einer Art Ruhebereich an Bord ohne Buchung nutzen. So haben wir immerhin zwei Stunden Schlaf bekommen, bevor wir nachts um halb 2 ankamen. Den Rest der Nacht haben wir auf dem ersten Rastplatz in Neufundland nachgeholt. Das Wetter am nächsten Morgen verspricht nichts Gutes; Neufundland empfängt uns mit Wind, Regen und Nebel. Dieses ungemütliche Wetter erinnert uns sehr an Island und wir sind auf das Schlimmste gefasst. Schnell lernen wir, dass das neufundländische Wetter sich mehrfach pro Tag ändert und wir die nächsten Tage meist mit tollem Sonnenschein bei bis zu 30 °C beschenkt werden. Man sollte die Wettervorhersage einfach ignorieren, meistens ist sie schlicht falsch.

Gastfreundschaft vom Feinsten. Unser erster Halt soll die Port-au-Port Halbinsel sein. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch die beschauliche Stadt Stephenville. Laut Reiseführer gibt es hier nichts. Wir halten trotzdem für einen Kaffee an und lernen direkt Diane und John kennen. Die beiden sind sehr interessiert an unseren Plänen und laden uns kurzerhand ein, in ihrem Vorgarten zu campen. Nach einem schönen Strandspaziergang (ein versprochenes Feuerwerk fällt leider aus) nehmen wir diese Einladung sehr gerne an. Wir verbringen den Abend zusammen mit den beiden und ihrem Hund, der uns nicht nur vom Aussehen sehr an unsere Duna erinnert. Am nächsten Morgen dürfen wir die beiden zur Gemeinde begleiten, in der im Zuge einiger Festivitäten ein Frühstück angeboten wird. Unser erstes neufundländisches Frühstück besteht aus Rührei, Toast, Bratkartoffeln, Würstchen, typisch neufundländischen Bohnen und einer Spezialität namens Bologna, am ehesten mit deutschem Leberkäse zu vergleichen. Es macht uns für den Rest des Tages satt. Beim Frühstück werden wir sogar dem Bürgermeister vorgestellt, der in Lachen ausbricht, als er erfährt, dass er in Deutschland im Rattenhaus arbeitet. Der Besuch hat uns sehr gefallen und uns vor allem die kanadische Sichtweise auf viele Dinge gezeigt. Wir sind schon jetzt begeistert von der neufundländischen Gastfreundschaft! Thank you Diane and John!

Reiseleben. Auf der Port-au-Port Halbinsel entdecken wir in Sheaves Cove tolle Felsen die uns zum Rumklettern animieren, auch der Wasserfall kann sich sehen lassen. Für uns geht es weiter zum Cape St. George, hier kommen wir genau zur richtigen Zeit an, denn von 12-2 pm wird hier frisches gebackenes Brot aus dem Holzofen angeboten, kostenlos gegen eine Spende! Am äußeren Ende gibt es einen Vogelfelsen und wir können Papageientaucher, Möwen und andere Vögel beobachten. In den schön angelegten Picknick-Plätzen darf offiziell gecampt und Feuer gemacht werden, perfekt für uns. In Neufundland gewöhnen wir uns an unser Reiseleben. Tagsüber unternehmen wir Wanderungen oder sonstige Aktivitäten, Standplätze finden wir hier immer problemlos. Abends gibt es Lagerfeuer statt Fernsehen, oft kochen wir auch auf dem offenen Feuer, wenn wir besonders viel Glück haben, finden wir einen Platz mit Meerblick!

Lieblingsplätze und Wildlife. Einen unserer Lieblingsplätze haben wir in Harry’s Harbour gefunden, ein idyllisches Dorf mit zahlreichen verwinkelten Seen und Meereinbuchtungen. Hier versuchen wir uns an den Postkartenmotiven satt zu sehen, was schwerlich gelingt.

Als nächstes wollen wir in den Terra Nova Nationalpark im Osten Neufundlands. Hier unternehmen wir einige Wanderungen, trotz Hauptsaison ist wenig los. Das Besucherzentrum ist sogar mit Waschmaschine und Dusche ausgestattet, was wir für den ersten großen Service-Stop nutzen, Wäschewaschen war längst überfällig! Dank Wifi und meeresbiologischer Ausstellung im Zentrum wird uns in der Wartezeit nicht langweilig.

Angeboten wird auch Kajakfahren auf dem Meer, diese Gelegenheit zur Abkühlung lassen wir uns nicht entgehen und gönnen uns den Spaß zu unserem zwölften Jahrestag. Das Navigieren fällt anfangs noch etwas schwer (warum werde gerade ich ans Steuer gesetzt?!), aber der Perspektivwechsel tut gut und am Ende klappt auch das Lenken ganz gut. Schee wars!

Wir verlassen den Terra Nova Nationalpark auf der südlichen Seite und fahren auf einen Ausleger, der einen schönen Leuchtturm haben soll. Am Cape Bonavista werden wir dann mit der Sicht auf einige Buckelwale überrascht (ein Einheimischer spricht von Blauwalen…). Wir sitzen einige Stunden im eisigen Wind und verfolgen die immer wieder kurz auftauchenden Finnen und die typischen Fontänen. Auch eine steil eintauchende Fluke entdecken wir. In Bonavista selbst werden wir erneut von einem Einheimischen auf Wale vor der Küste hingewiesen und wir sitzen fast bis Sonnenuntergang auf unserem Beobachtungsplatz. In Elliston, der Welthauptstadt der Keller, gibt es schließlich eine Papageientaucher-Kolonie.

Um zurück an die Westküste zu gelangen legen wir einen Fahrtag ein. Wir fahren bis in die Dämmerung und kommen genau bei Sonnenuntergang an unserem Platz in Howder an, zwar direkt an der Straße, dafür mit Seeblick und morgendlichem Schwimmen.

Wenn Ohren husten könnten. Im Gros Morne wollen wir direkt mit einer Wanderung starten. Nach 100 m ist allerdings Umdrehen angesagt: da sich eine Fliege in Tills Ohr verirrt hat, fahren wir weiter zum nächsten Arzt. Der ist wenig überrascht und spült die Fliege kurzerhand mit Wasser raus. Es war ein ca. 2 cm großer Falter und er hatte sich bis zum Trommelfell vorgekämpft und dort festgesetzt. Von alleine wäre er wohl auch nicht mehr rausgekommen. Den Trick mit dem Wasser merken wir uns, wichtig ist nur, dass man warmes Wasser nimmt, sonst kann man wohl nichts falsch machen. Unsere restliche Zeit verbringen wir mit kürzeren und längeren Wanderungen. Am besten hat uns die Wanderung am Trout River gefallen, da der Weg einige Kilometer mit Blick auf die auffallend braunen und unbewachsenen Tablelands vorbeiführt. Überall im Park wurden außerdem die roten Share-Chairs aufgestellt. Wir sehen sie an den unterschiedlichsten Stellen und sie stehen auch in jedem kanadischen Garten!

Insgesamt sind wir sehr angetan von den Parks in Kanada. Für 137 CAD bekommt man einen Familienpass, der für zwei Jahre gültig ist und zum Eintritt in alle Nationalparks und historischen Stätten berechtigt. Auch die zahlreichen Führungen sind inbegriffen und waren alle sehr informativ.

Das Beste zum Schluss. Unser letztes Ziel in Neufundland soll die Nordhalbinsel sein, von der auch unsere Fähre weiter nach Labrador fährt. In Port au Choix sehen wir eine Karibu-Herde unweit des Leuchtturms. Eine Seltenheit, da die Population stark gesunken ist. Die Tiere liegen entspannt in der Sonne und lassen sich durch unsere Anwesenheit kaum stören. In St. Anthony sollen noch Eisberge zu sehen sein, eigentlich ist die Eisberg-Saison nämlich von Mai bis Juni und längst vorbei, aber wir haben Glück und sehen noch ein recht großes Exemplar in der Bucht. Wirklich nah kommt man ohne Boot natürlich nicht heran… Dafür können wir eine Delfinschule direkt bei ihrem Besuch in der Bucht beobachten. In Great Behan machen wir eine Abendwanderung. Die Landschaft ist hier von Moosflächen überzogen und von dichtem Wald ist nichts zu sehen. Dafür sehen wir umso mehr von den hier typischen bakeapples, Beeren, die hier zu Marmelade verarbeitet werden (immer die teuerste im ganzen Regal), wir naschen natürlich auch mal. Entgegen Tills Annahme und Hoffnung, es handele sich im Beeren mit Bratapfel-Geschmack, wurde der Name von der französischen Sprache abgeleitet: Comment cette baie qu’appelle? In L’Anse aux Meadow besichtigen wir ein UNESCO Weltkulturerbe, eine ehemalige Vikingersiedlung. Vor 1000 Jahren kam sie von Grönland hier an und haben für ca. 25 Jahre dort gesiedelt. Viel zu sehen gibt es nicht, aber einige Häuser wurden wiedererrichtet und zeigen, wie die Siedler einst gelebt haben. Besonders den Kanadiern (und Amerikanern) merkt man ihren Stolz an, dass ihr Land schon vor 1000 Jahren „entdeckt“ wurde.

Überblick. Nach gut zwei Wochen in Neufundland können wir sagen, dass es uns ausgesprochen gut gefällt! Eine so ausgeprägte Gastfreundschaft haben wir bisher noch nie erlebt und hat uns tief beeindruckt. Neben Einladung zur Übernachtung und Frühstück bekamen wir auch Eier geschenkt, dreimal energiereicher als die Supermarkt-Eier wurde uns versichert, das hat man auch geschmeckt! Das Wetter war uns die allermeiste Zeit wohlgesinnt, wenn auch unvorhersehbar. Wir haben das erhoffte wildlife gesehen, Elche, Karibus, Wale, Delfine, Adler und Seevögel. Geprägt wurde unser Bild hauptsächlich von kleinen, idyllischen Fischerdörfern. Dass der Eindruck trübt, merkt man als Tourist nicht; seit Jahren unterliegt das einst florierende Fischgeschäft strengen Auflagen und hat unzähligen Arbeitern ihren Job genommen. Die oft angekündigten black flies haben wir nicht erlebt, offensichtlich ist deren Saison (zumindest in Neufundland) schon vorbei.

Wir freuen uns auf Labrador, noch einsamere Straßen und kargere Natur und den „berüchtigten“ Labrador-Highway, wir sind gespannt!

 

6 Antworten auf “Neufundland – von wilden Tieren und der Jagd auf rote Stühle”

  1. Ulrike Kemmerer 12. August 2016 bei 10:05

    Hallo Katrin und Till.
    Habe mit größter Sorgfalt Euren Blog gelesen. Das Bild mit dem Hund ist eine unglaubliche Erinnerung an unsere Duna. Glaube auch, dass er sich so wie sie verhalten hat. War bestimmt sehr berührend? Für mich ja.
    Diese Tier und Pflanzenwelt erleben zu dürfen, ein Riesen Geschenk.
    Habt weiterhin ganz viel Spaß auf Eurer Reise.
    Ganz liebe Grüße
    Eure Ulli

  2. Ulrike Kemmerer 12. August 2016 bei 10:24

    P.S. Duna ist ja “QUE MIT”, denn Sie begleitet Euch in Eurem Herzen.
    In Liebe
    Eure Ulli

  3. barbara und reiner 12. August 2016 bei 18:33

    Ach Ihr Lieben,
    grandiose bilder, tolle berichte – wir können es riechen und fühlen. Die Natur ist umwerfend.
    Kein wunder, dass die menschen so relaxt und gastfreundlich sind wie ihr sie beschreibt.
    Am liebsten würden wir unseren murmel nach neufundland beamen – für laaaange zeit.
    Einiges hat uns an unsere norwegentour erinnert – allerdings dort ist alles dichter und enger.
    Mit eurem neuen fernglas “unter drei kilo für weiter weg” sollten eure naturerlebnisse noch
    intensiver werden. Kaum auszuhalten

  4. Diane and John Hanratty 14. August 2016 bei 15:20

    We both LOVE seeing your pictures, and reading your entries! I am so happy that you are experiencing all you had hoped for – and sometimes more. Also that the flies are not so plentiful. Was sorry to hear about that rotten moth in your ear, but glad that you had it tended to right away, that you were able to find a Dr. quickly and that you didn’t seem to “freak out” as some people might!
    Am so glad that our paths crossed. Stay safe and keep loving each other!
    Maybe shouldn’t be giving you advice but remember… we are old enough to be your parents!

    1. barbara und reiner 15. August 2016 bei 09:10

      Welche Ratschläge ihr auch immer unseren Beiden mit auf den Weg gegeben habt – danke
      dafür! Eltern waren ja auch mal jung und unbedarft … meistens mit sehr viel Glück und einer
      Armada von Schutzengeln unterwegs. Wir wünschen unseren beiden viele solcher wunderbaren
      Begegnungen mit Menschen, die ihnen zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Ratschläge
      und Erfahrungen mitgeben können.
      Danke, dass ihr für eine kurze Zeit Ersatzeltern sein durftet.
      Alles liebe auch für euch
      reiner und barbara

    2. Hi Diane and John,
      thank you for your reply! Nice that you follow our travels, we are really happy that our paths crossed and don’t want to miss the experience.
      Now we are prepared for insects and know what to do.
      Till & Katrin

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