USA VIII – im Bann des goldenen Tores

Da haben wir uns gerade an das warme Wetter gewöhnt und jetzt soll bereits alles wieder vorbei sein? Von Bishop aus wollten wir gerne in den Yosemite Nationalpark. Allerdings erklärt uns der freundliche Mann im Visitor Centre, dass der direkte Weg über den Tioga Pass gesperrt ist und dank der Schneemassen dieses Jahrhundert-Winters wohl nicht vor Ende Juni geöffnet wird. Um an die Küste zu kommen müssen wir deswegen einen Umweg fahren und die Berge entweder über Norden oder Süden überqueren. Um nicht zurück zu fahren entscheiden uns für die nördliche Route am Lake Tahoe vorbei. Eine leise Hoffnung keimt auf, ob wir vielleicht nicht doch noch mal die Skier auspacken können. Schwer vorzustellen, immerhin sitzen wir mit kurzer Hose draußen im Park und diskutieren unsere Optionen. Um nicht in den angekündigten Schneesturm zu kommen fahren wir noch am gleichen Tag auf dem Highway 395 nach Norden. Die Straße gewinnt unglaublich schnell an Höhe und wir können dem Thermometer beim Sinken zusehen. Da ist auch auf Passhöhe schon ein SnoPark ausgeschildert, praktisch, denn unser Oregon-Pass gilt auch in Kalifornien und bei eintretender Dämmerung wittern wir Ski- und Schlafmöglichkeit zugleich. Till testet die Loipenbedingungen, denn Schnee liegt tatsächlich noch genug, allerdings sorgte der Wärmeeinbruch für mehr Matsch als Schnee. Auf 2700 m verbringen wir also die Nacht und erklären die Skisaison offiziell für beendet. Nach den traumhaften Bedingungen im Nordwesten wollen wir die Erinnerung an unser Powder-Winterparadies wahren und fahren weiter. Die Eastern Sierra ist bekannt für ihre zahlreichen warmen und heißen Quellen und wir haben zudem Insider-Tipps ergattert, wo man am besten baden kann. Allerdings sind die Zufahrten Schnee und Matsch bedeckt und wir haben keine Chance in die Nähe der Quellen zu kommen.

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See der Extreme

Hinter Mammoth Lake wartet der besonders salzhaltige und alkalische Mono Lake auf uns. Jahrelang pumpte sich die Stadt Los Angeles Trinkwasser aus dem See, wodurch der Wasserspiegel sank und der Salzgehalt zunahm, eine ökologisch fragwürdige Angelegenheit. Durch das Austrocknen wurden wiederum die interessant geformten Kalktuff-Formationen sichtbar und zieht seither viele Fotografen an. Der See verlangt eine Anpassung der Organismen an die extremen Bedingungen und beheimatet endemische Arten von Krebsen und Salzfliegen, Fische hingegen können hier nicht leben. Für Aufsehen sorgte die Entdeckung des extremophilen Bakterienstamms GFAJ-1, der angeblich Arsen anstelle von Phosphor in die DNA einbaut, eine biologische Revolution, die zwei Jahre später allerdings widerlegt wurde. Als Lebensraum dient der See vor allem als Rast- und Brutplatz für Vögel wie den Schwarzhalstaucher, die Wilson-Wassertreter und Kalifornienmöwen.

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Zurück im Winter und Bergung aus dem Schneefeld

Am Lake Tahoe sind wir endgültig wieder im Winter angekommen. Der Schneesturm entpuppt sich als nasskalt und ungemütlich, bei Temperaturen über Null bleibt vom Schnee nichts liegen. Die Stadt ist ein echter Wintersportort mit Liftstation in der Innenstadt und zu gerne wären wir direkt weitergefahren, aber auf dem Highway US 50 wurde eine Schneeketten-Pflicht angesetzt, die wir in Kalifornien unbedingt umgehen wollen. Das heißt also warten. Glücklicherweise ist der nächste Tag sonnig und wir fahren ein Stück am See entlang, in der Emerald Bay soll es schöne Ausblicke auf den See geben. So richtig spektakulär finden wir den See allerdings nicht. Ein Stück weiter sehen wir dann auf einem Parkplatz einen großen Pickup im Schnee feststecken. Mehrere Jugendliche versuchen, das Auto wieder auf die Straße zu bringen, es wird gegraben und Fußmatten als Traktion untergelegt, aber es sieht hoffnungslos aus. Wir bieten unsere Hilfe an und die wird dankbar angenommen. Jetzt sehen wir auch, dass insgesamt sogar drei Autos feststecken. Bereits morgens um 6 ist das erste Auto auf dem noch harten Schnee rausgefahren und nicht weitergekommen. Um sich gegenseitig wieder rauszuziehen ist einer nach dem anderen auch auf den Parkplatz gefahren und ebenfalls steckengeblieben. Die Winde leistet gute Dienste und wir ziehen einen nach dem anderen von dem Schneefeld herunter. Um den hintersten rauszuziehen müssen wir selbst auch auf das Schneefeld und bleiben ebenfalls stecken, kein Problem denn der Pickup steht schon auf der Straße und konnte wiederum uns bergen. Nach über einer Stunde waren alle Autos wieder draußen. Den Jugendlichen war die ganze Situation sichtlich unangenehm, immerhin kommen sie direkt aus South Lake Tahoe und sollten es besser wissen. Allerdings hatte keiner auch nur ein Abschleppseil geschweige denn eine Schaufel dabei. Der von ihnen verwendete Ratsch-Gurt ist beim ersten Bergungs-Versuch direkt gerissen. Wir waren jedenfalls froh, dass wir helfen konnten.

Nach nur zwei Tagen im nasskalten Wetter steht für uns eines fest: wir haben genug vom Winter und deshalb wird der Plan geändert – statt Yosemite Nationalpark heißt es San Francisco!

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Schon auf dem Weg nach San Francisco bemerken wir den Unterschied. Statt weiten, ungenutzten Flächen ist plötzlich jeder cm2 bewirtschaftet, die Wiesen sind grün, alles ist eingezäunt und am Straßenrand blühen die ersten Blumen. Ehrlich gesagt sieht es hier zum ersten Mal seit langem wieder „europäisch“ aus, eine Landschaft wie wir sie in Deutschland oder sogar Holland hätten antreffen können.

Die Stadt der Städte

Über die Oakland Bay Bridge kommen wir bei Regen und schlechtem Wetter in San Francisco an. Jetzt ahnen wir noch nicht, dass die Stadt uns bald in ihren Bann zieht und wir länger verweilen werden als gedacht. Mitten durch die Stadt fahren wir zum Hafen und bekommen sogleich einen ersten Eindruck von den steilen Straßen und dem bunten Treiben. Ups, da hätte uns fast die Cable Car über den Haufen gefahren. Die nächsten Tage bleibt das Auto lieber zu Hause und wir sind deutlich flexibler zu Fuß unterwegs. Wir erkunden die Innenstadt, essen auf dem Markt im Ferry Building und stauben gleich zweimal gratis Jogurt ab. Wir schlendern durch die Fisherman’s Wharf und das älteste und größte Chinatown außerhalb Chinas. Eine Fahrt mit der Cable Car darf nicht fehlen und natürlich laufen wir ganz gemütlich über die Golden Gate Bridge, dafür hätten wir wohl besser nicht den Sonntag wählen sollen. So viele Leute sind auf dem Fußweg, dass das Vorankommen schwierig ist und auch ein Bild ohne fremde Menschen ist unmöglich. Der Blick auf San Francisco entschädigt uns zumindest teilweise. Die ganze Stadt blüht und wir erfreuen uns an bunten Lupinen und echtem Frühlingswetter.

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Ausflug nach Alcatraz

Mit dem Boot machen wir am nächsten Tag einen Ausflug nach Alcatraz, dem ehemaligen Hochsicherheits-Gefängnis. Bei der Audio-Tour erfährt man einiges über das Leben hier, auch Al Capone hat einige Zeit hier gesessen. Besonders beeindruckend ist der Fluchtversuch durch die mit Löffeln aufgegrabenen Luftschächte und anschließend mit einem selbstgebauten Boot bis ans Festland. Die Flüchtigen wurden nie gefunden, wer weiß, ob der Versuch nicht doch geglückt ist. Geschlossen wurde das Gefängnis wegen dem zu teuren Unterhalt und dem maroden Baumaterial.

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Unsere Schlafplatz-Situation sieht in San Francisco tatsächlich deutlich besser aus als in anderen Großstädten; nachts stehen wir auf einem Picknickplatz am Strand und werden 4 Nächte geduldet. Direkt vor unserem Fenster beobachten wir einen Graureiher bei der Jagd. Erst machen wir uns lustig über das langsame Schleichen, doch plötzlich hat er eine kleine Maus im Schnabel, die auch prompt in einem Happs in dem großen Vogel verschwindet, man sieht das arme Ding noch im Hals zappeln. In der fünften Nacht wird unsere Nachtruhe gebrochen und wir von einem freundlichen Officer weggeschickt. Der hat uns hier schon vor zwei Tagen gesehen, was gar nicht sein kann wie wir beteuern, da grinst er und freut sich, dass wir einige freie Nächte hatten. Ohnehin scheint ein nicht allzu kleiner Teil der Bevölkerung hier im Van zu wohnen, immer wieder treffen wir Leute, die sich die exorbitanten Wohnungspreise nicht leisten können oder wollen, darunter auch Angestellte der Universität und andere Akademiker. Innerhalb kürzester Zeit kennen wir die Leute, denn der Parkplatz am Yachthafen ist dank Wifi und kostenloser Parkmöglichkeit allgemeiner Treffpunkt.

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Zwischen den Fronten

Einen Blick in die zauberhafte Glanzwelt bekommen wir gleich in zweifacher Ausführung. Da lassen wir das Auto unauffällig in einem besseren Wohngebiet geparkt und laufen in die Stadt, da bekommen wir dank unseres Schriftzugs auf dem Auto gleich zwei Nachrichten bzw. Einladungen zum Abendessen. Da sagen wir natürlich nicht nein, immerhin eine schöne Gelegenheit mal wieder unter Leute zu kommen. Unseren ersten Ausflug in die Chestnut Street erleben wir mit Boris, einem deutschen Fondsmanager, der selbst schon mit dem Range Rover von Portugal nach Asien gefahren ist. Erstaunlich bodenständig wirkt er, obwohl er jeden Tag das Schicksal von Startup-Unternehmen besiegelt und mit Millionenbeträgen spekuliert.

Zwei Tage später werden wir dann von Troy und seinem Partner Brian zum Abendessen eingeladen. Beide arbeiten in der IT-Branche im Silicon Valley, verdienen Unmengen und haben mehr Geld als Zeit, wie sie selbst zugeben. Dennoch sind sie gerade dabei sich ein Reise-Fahrzeug für das Wochenende umzubauen und wir freuen uns, sie mit Tipps und Informationen versorgen zu können. Bei leckeren Tacos und einem frisch hergestellten Eis (dank neuartiger Stickstofftechnologie in 30 Sekunden fertig!) verbringen wir einen unterhaltsamen Abend. Troy ist gebürtiger Kanadier und kann den Unterschied zwischen Kanada und den USA passend auf den Punkt bringen: zwei Kanadier, die eine Geschäftsidee haben, setzen sich bei einem Kaffee zusammen und diskutieren alle Möglichkeiten, Monate später finden sie eine Finanzierung und beginnen zu arbeiten. In den Staaten, insbesondere in der IT-Branche wird hingegen umgehend angefangen zu arbeiten, eine Millionen-Finanzierung ist direkt am nächsten Tag eingeworben und in kürzester Zeit werden die ersten Gewinne eingefahren. Gerade in der Technologie verschafft diese Mentalität den Staaten, insbesondere San Francisco und dem Silicon Valley einen riesigen Vorsprung gegenüber allen anderen, Städte wie Vancouver liegen in der Entwicklung mindestens zwei Jahre zurück, von Deutschland ganz zu schweigen. Selbstfahrende Autos sind hier schon Wirklichkeit, das Elektroauto Tesla bekam kürzlich ein Update und seitdem fahren die Autos selbst – wie praktisch, so kann man sogar beim Fahren arbeiten, die Zeit wird noch effektiver genutzt. Blöd nur, dass der Tech-Boom ebenfalls dafür gesorgt hat, das San Francisco als teuerste Stadt der Staaten gehandelt wird und sogar Big Apple überholt hat. Ein Leben in der Zukunft gibt es also doch, zumindest in der Technologie-Branche. Auch wir merken, wie wir nach kurzer Zeit in den Bann der Alles-Ist-Möglich-Welt gezogen werden. Aber Moment mal, das ist doch genau die Welt, der wir zu Hause unbedingt entfliehen wollten: dem ständigen Konsum, dem permanenten Stress. Schnell besinnen wir uns auf die Erfahrungen der letzten Monate: weniger ist mehr, denn trotz aller „Einschränkungen“ vermissen wir hier Nichts, ganz im Gegenteil!

Viel länger als gedacht verweilen wir in San Francisco, die uns als erste und einzige Stadt in Nordamerika wirklich gefällt und fasziniert, doch schließlich zieht es uns wieder weiter und vor allem zurück in die Natur. Zum Abschied kurven wir noch durch die Serpentinen der steilsten Straße San Franciscos, der Lombard Street. Und dann ist es soweit – nach einer Woche Warten und Anschauen darf nun auch das Hottahü über die Golden Gate Bridge fahren. Wegen der Mautgebühr haben wir uns diese Fahrt bis zum Schluss aufgehoben. Ein seltsames Gefühl ist es, tatsächlich hier zu sein, immerhin „kennen“ wir die Brücke von zahlreichen Bildern, aber nie war sie so nah und nie so echt. In Sausalitos halten wir nochmal an, genießen einen letzten Blick auf San Francisco und gönnen uns hervorragende Fish-Tacos die wir in der Happy Hour sogar für die Hälfte bekommen.

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Auf den Straßen San Franciscos

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Uns gefiel San Francisco außergewöhnlich gut: eine Metropole mit Flair, wie wir finden. Wuseliges Treiben in Chinatown, mit der Cable Car die steilen Berge hoch, Joggen an der Promenade, Picknick im Park und vor allem lecker Essen ist hier kein Problem. Einzig auf das hohe Preisniveau sollte man vorbereitet sein.

An der Pazifik-Küste fahren wir weiter Richtung Norden. Warum wir gegen die Fahrtrichtung fahren und noch eine Schleife einlegen? Ich sage nur so viel, Baum-Giganten an der Küste und ein verlockendes Angebot in Oregon erwarten uns…

Reisezeit 21.3.17 – 30.03.17

3 Antworten auf “USA VIII – im Bann des goldenen Tores”

  1. Arsen! Bwahaha, diese Wissenschaftler! 😀

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  2. …… frisch hergestellten Eis (dank neuartiger Stickstofftechnologie in 30 Sekunden fertig!)…..
    FCS Eis??? 🙂

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    1. …leider kein FCS Eis, aber die Herstellungs-Technik könnten wir uns durchaus abgucken 😉

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