Kolumbien V – rund um Medellín

Kolumbien V – rund um Medellín

Rund um die Stadt des ewigen Frühlings erklimmen wir zunächst den Granitfels Piedra del Peñol bei Guatapé. In Medellín selbst lassen wir uns durch die einst so gefährliche Comuna 13 führen und die Berge im Süden, allen voran der Cerro Tusa werden auf ihre Wandertauglichkeit geprüft…

Der Fels von Guatapé – wie viele Stufen noch?

Von Bogota aus sind es für uns fast zwei Fahrtage bis wir in der Region Guatapé ankommen. Wie der Uluru in Australien, nur viel viel kleiner ragt der große Granitfels aus der flachen Seenlandschaft hervor. 70 Millionen Jahre lang konnte dieses Stück Fels sich dem Erosionsprozess entziehen, dem das umliegende Gestein längst erlegen ist. Der Fels wird auch Piedra del Peñol genannt und ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Großstädter, da er nur 1,5 Stunden Fahrzeit von Medellín entfernt liegt. Auf entsprechend viel Trubel treffen wir auf und um den Fels. Hoch wollen wir natürlich auch und so geht es Stufe für Stufe aufwärts. Es dauert, denn 220 Meter und ca. 700 Stufen müssen wir nach oben, um endlich auf dem Inselberg anzukommen. Von oben hat man dann eine wunderbare Aussicht auf den Stausee und die vielen Inseln, von denen einige noch unbewohnt und sehr idyllisch aussehen.

 

Die bunteste Stadt – Guatapé

In der kleinen Stadt Guatapé lassen wir uns durch die Straßen des historischen Zentrums treiben und bewundern die farbenfrohen Häuser, die alle eine Gemeinsamkeit aufweisen, nämlich den liebevoll gestalteten Häusersockel. Hier wird die Geschichte der Familie erzählt oder Alltagssituationen dargestellt. Wir erfreuen uns jedenfall sehr an den toll gestalteten Tieren, Menschen und dem Piedra del Peñol. Der Abstecher in diese Region hat sich gelohnt, wie wir finden.

 

Medellín – Stadt des ewigen Frühlings

In Medellín mieten wir uns spontan eine kleine Wohnung über Airbnb, denn Städte erkunden mit dem Auto ist meistens sehr anstrengend und ich freue mich auf ein paar Tage Ruhe und Abwechslung vom Leben im Auto. Unsere kleine Wohnung stellt sich als Volltreffer heraus, ein großer Schreibtisch zum Arbeiten, eine Waschmaschine, die fast täglich läuft und das Beste, eine richtig heiße Dusche. Gleich am ersten Abend bekommen wir sogar Besuch. Alex und Klim aus Russland haben wir seit Honduras nicht gesehen und zufällig sind sie ebenfalls gerade in Medellín. Tja, die Welt der Reisenden ist manchmal klein.

 

Von der Drogenhauptstadt zum Vorzeigemodell

Medellín, die ehemalige Drogenhauptstadt der Welt wird noch immer in einem Atemzug mit Pablo Escobar und dem Medellín-Kartell genannt. Von zu Hause bekommen wir warnende und besorgte Nachrichten, als unser Aufenthalt in Medellín zur Sprache kommt.

Tatsächlich verzeichnete Medellín im Jahr 1991 einst mit mehr als 380 Tötungsdelikten auf 100 000 Einwohner die höchste Mordrate weltweit. Dahinter stand nicht zuletzt Escobar, Anführer des Kartells, der auch international für Schlagzeilen sorgte. Auch wenn seit dessen Tod und der Zerschlagung der Kartelle Ruhe eingekehrt ist, erweckte die Netflix-Serie „Narcos“ die brutale Welt des Drogenhandels zu neuem Leben. Tourismen strömen an Escobars Grab, lassen sich zu seinen Verstecken und Häusern führen. Die Regierung und die Kolumbianer sind davon nur wenig begeistert, denn es festigt sich dadurch ein ungewolltes Bild in den Köpfen der jungen Generation. Ein blutiges Bild, das Kolumbien nicht mehr gerecht wird. Im Gegenteil, denn 2013 wurde Medellín zur innovativsten Stadt gekürt. In den Straßen ist es so sicher, wie es in Großstädten sein kann. Die Armut wird bekämpft, es gibt viele soziale Projekte. Die Slums die dicht an die Berghänge gebaut wurden und beinah unzugänglich waren sind mittlerweile durch eine neue Gondelbahn an die Innenstadt im Talkessel angebunden. Hier kommen die Menschen zum normalen Metrotarif zu Arbeitsplätzen, Geschäften und Ämtern. Auch wir nutzen das Angebot und betrachten die an den Berg gebauten teilweise 4stöckigen Gebäude von oben. Statt Straßen gibt es oft nur Treppen, die an den „Wohnblöcken“ vorbei nach oben führen. Die Gondeln müssen wirklich eine wahre Erleichterung für die Menschen hier sein.

 

Walking Tour durch die Comuna 13

Das Vorzeigeprojekt der Stadt ist die Rolltreppe in der Comuna 13. Auf sechs überdachten Rolltreppen überwinden wir 30 Stockwerke, betrachten die Graffitis und die Menschen, die hier leben. Über uns weht frische Wäsche im Wind auf dem Balkon, um die Rolltreppe haben sich Cafés und Eisverkäufer angesiedelt, die Bewohner grüßen freundlich. Nichts an der Umgebung lässt uns ahnen, dass wir in Medellíns berüchtigtstem Stadtteil unterwegs sind. Und doch wissen wir, dass wir hier vor nicht allzu langer Zeit nicht hätten sein können. Zu gefährlich! Denn neben dem Drogenkrieg kämpften auch rechte Paramilitärs und linke Guerillas in den Vierteln. Nicht einmal die Polizei hat sich dorthin getraut. Und das über Jahre hinweg, sodass die Gegend durch und durch als gesetzlos galt.

Die Lage änderte sich dramatisch, als 2002 der damalige Präsident Uribe „Säuberungstruppen“ in das Viertel schickt, um die Guerillas zu vertreiben. Diese Operación Orión endete im Blutbad. Viele Unschuldige ließen ihr Leben, viele von ihnen landeten auf der Bauschuttgrube gegenüber. Wie viele dort liegen weiß bis heute niemand.

Diese Geschichte erzählt uns Lisel, die selbst in der Comuna 13 aufgewachsen ist. Wir haben uns der Free Walking Tour angeschlossen, um mehr über das Leben im Viertel zu erfahren. Lisel erzählt von der Hoffnungslosigkeit, mit der die Kinder hier früher aufgewachsen sind. Ein weiter Weg liegt hinter der Comuna 13, aber nun herrscht endlich Sicherheit und Frieden. Vergessen werden soll die Geschichte aber nicht, sie ist Teil der Comuna 13, die Graffitis halten die Geschichte fest. „Chotas“ werden die Gesichter genannt, die zwei verschiedene Augen haben – Vergangenheit und Zukunft.

 

Und heute? Melo!

Heute haben die Kinder Hoffnung. Sie wollen Fußballspieler werden, oder Rapper. Oben an der Rolltreppe führt eine Breakdance Gruppe ihr Können vor und vor den Graffitis stehen neue Fitnessgeräte. Im Gemeindezentrum werden viele Kurse angeboten, Lisel hat dort Englisch gelernt und führt nun Touristen durch ihr Viertel. Noch immer kommen wenige ausländische Touristen, weil das Image im Ausland zu schlecht sei, klagt Lisel. Dabei habe Kolumbien sich geändert. Nun muss sich aber auch das Bild von Kolumbien im Ausland bessern. Kolumbien ist bereit für den Tourismus, die Menschen in Medellín wollen Frieden. Sie sind stolz, auf das was sie geschafft haben und wollen es mit der ganzen Welt teilen. Wir sind längst überzeugt, dass Kolumbien ein sicheres und wunderbares Reiseland ist und können nicht genug Werbung machen. Und für dieses Gefühl, das wir mit Kolumbien verbringen gibt es auch gleich einen Begriff: Melo. Das neue hippe Wort das in Kolumbien so viel wie cool bedeutet. Ein Begriff aus der Rapper Szene, der mittlerweile in ganz Kolumbien benutzt wird.

Wie wir Medellín und Kolumbien finden? Natürlich melo.

Alles melo?

Natürlich ist nicht alles melo. Denn wer denkt, dass mit Escobar auch der Kokainhandel beseitigt wurde, dem soll gesagt sein, dass der Export seither sogar gestiegen ist. Nur findet der Handel mittlerweile stillschweigend statt. Es gibt keine großen Kartelle mehr, die “Businessleute” haben dazu gelernt und halten sich bedeckt. In einigen Vierteln gibt es noch immer kriminelle Banden, die von Schutzgelderpressung leben. Menschen, die in ihrem Leben nichts anderes kennengelernt haben. Und doch bewegt sich etwas in Kolumbien, wir spüren Hoffnung und Zuversicht.

Bandeja Paisa am Plaza Botero im Zentrum von Medellín

Mit der Metro steigen wir bei der Station San Antonio aus und gehen zu Fuß bis zum Plaza Botero. Hier bestaunen wir die zahlreichen Skulpturen des Künstlers Fernando Botero. Samstags ist die Stadt voll und wir kehren erstmal in ein kleines Restaurant zum Mittagessen ein. Till entscheidet sich für die Bandeja Paisa, ein traditionelles Essen in Kolumbien. Man sollte Fleisch mögen und viel Hunger haben, denn neben den klassischen Beilagen Reis, Bohnen und Salat gibt es ein Spiegelei, Avocado, Chicharrón (Schweinefett), Würstchen und Rindfleisch in Trockenform.

Ein Eisbecher zum Nachtisch darf natürlich nicht fehlen. Und der hält auch noch eine Überraschung für uns bereit: Ist da wirklich Käse im Eisbecher? Ja, genau! Willkommen in Kolumbien.

 

Wandern in Medellíns Umgebung

Die nächsten Tage entschließt Till sich in der näheren Umgebung wandern zu gehen. Ich hingegen verbringe gemütliche Tage in der Wohnung in Medellín und bin froh mal nicht den Berg hochgescheucht zu werden. Da Medellín im Talkessel liegt, muss Till nicht weit fahren, um in die Berge zu kommen. Nur eine gute Stunde südlich von Medellín ist von ausländischem Tourismus keine Spur mehr, die Zahl der Wandermöglichkeiten jedoch enorm.

 

Von Fredonia auf den Cerro Tusa

In der authentischen Stadt Fredonia parkt Till das Hottahü sicher auf dem Parkplatz einer netten Familie. Schnell ist er die Attraktion auf dem Parkplatz und in der Stadt und alle fragen ihn, warum er eigentlich hier sei. Touristen gehören hier nicht zum Stadtbild, ausländische schon gar nicht. Und als Till dann auch noch ankündigt, alleine wandern zu gehen ist die Verwirrung perfekt.

Der Cerro Tusa ist dann eine echte Herausforderung. Zwar ist er “nur” 500-600 Höhenmeter hoch, jedoch gibt es keinen befestigten Weg und der Untergrund ist schlammig und rutschig, dazu noch unglaublich steil. Till kämpft sich fast bis nach oben, aber als es dann auch noch zu regnen anfängt, kehrt er vernünftigerweise um. Auch so stürzt er mehr als einmal in dem schwierigen Gelände und kommt schlammig und mit aufgeschürften Beinen nach Hause.

 

Alleine unterwegs…

Weiter südlich wandert Till auf den Cerro Bravo mit 1100 Höhenmetern und am nächsten Tag noch auf den Cerro de Cristo Rey zur Christus-Statue. Die Wege sind zwar auch hier sehr kolumbianisch, aber nicht ganz so schlecht gewartet und vor allem nicht so steil.

Von Támesis nach Jardín ist dann die Straße gesperrt und Till sucht sich eine Abkürzung, die sich (wie könnte es auch anders sein), zufällig als reine Geländestrecke herausstellt. In Jardín besucht er mit einer geführten Tour die Höhle La Cueva del Esplendor. Da die Höhle auf Privatgelände liegt, darf man nicht ohne Genehmigung dorthin.

Leider fällt in einem unaufmerksamen Moment das Smartphone kopfüber auf den spitzen Stein und das Display springt. Da einen Tag vorher auch schon das Portemonnaie verloren gegangen ist, kommt der arme Till völlig abgebrannt zurück nach Medellín – Mann alleine unterwegs…

 

Drei Kreuze

Bevor wir die Stadt verlassen folgen wir einem Hinweis eines Medelliners, der uns empfiehlt, den Berg Tres Cruces zu besteigen. Die Lage von Medellín im Kessel führt dazu, dass man eigentlich an jedem der Berge rundherum hochlaufen kann. Wir staunen jedenfalls nicht schlecht, als unter der Woche morgens so ein großer Andrang ist. Wir reihen uns bei den zahlreichen Familien, Hunde Gassigehern und coolen Jugendlichen ein, und schnaufen uns den Berg nach oben. Die Aussicht ist genial und für alle die noch nicht genug Sport gemacht haben, wurden oben noch Fitnessgeräte aufgebaut.

 

Unser Fazit für Medellín

Unser Fazit für Medellín fällt gemischt aus. Viele beschreiben Medellín als deutlich schöner als Bogota, das können wir so nicht unbedingt sagen. In der Innenstadt herrscht ein enormer Lärmpegel, der uns an Mexiko-Stadt erinnert. Die Führung durch die Comuna 13 war authentisch und hat uns sehr gut gefallen! In der restlichen Stadt gibt es hin und wieder dunkle Ecken und Viertel, in denen wir nicht länger geblieben sind als nötig. Dafür gibt es sowohl in der Stadt viel zu machen und zu sehen, als auch außerhalb. Guatapé ist per Tagesausflug zu erreichen und auch im Süden kann man wandern gehen, wenn man sich denn auf die kolumbianischen (Wander)wege einlässt. Generell sind wir allerdings auch keine Stadtmenschen und ganz froh, die Stadt nach einer Woche wieder zu verlassen. Das schicke und hippe Viertel für Backpacker und Auswanderer ist El Poblado, das wir aber aus mangelndem Interesse fürs Weggehen und Bars gar nicht erst besucht haben.

Für uns geht es weiter in Richtung Süden wo in Tierradentro und San Agustín archäologische Stätten auf uns warten…

Reisezeit: 23.7.18 – 6.8.18

Unsere Route: Bogota – Guatapé – Medellín

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