Manitoba – goldene Zeiten

Wir kommen in der östlichsten und unserer ersten Prärieprovinz an – Manitoba. Die meisten Reisenden fahren hier an einem Tag durch, langweilig und unspektakulär soll es sein. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Segen der Nebensaison. Unseren ersten (ungeplanten) Halt legen wir im Whiteshell Provincial Park ein. Seit Neufundland geben wir nichts mehr auf die Wettervorhersage, aber bevor der Herbst kommt wollen wir noch mal Sonne tanken und das Wetter ist viel zu schön, um die Zeit mit Fahrtagen zu verbringen. Das ist einer der Gründe, warum wir meist ohne genauen Plan reisen, wir wollen die Freiheit haben, bei schönem Wetter oder schönen Orten solange zu bleiben wie wir wollen. Und das tun wir hier. Der Park ist groß und was hier im Sommer los ist, lassen die Ausmaße der Campingplätze erahnen, auch Dauercamper sehen wir hier zum ersten Mal. Nicht so Mitte September. Der erste Platz den wir anfahren, Brereton Lake, ist schon geschlossen für die Saison. Da keine Schranke vorhanden ist, suchen wir uns einen Platz und campen einfach. Ganz nach unserem Geschmack! Wir suchen uns den schönsten Platz am See aus und freuen uns über dieses „Geschenk“, nur schwimmen ist uns dann doch zu kalt. Unser geschenkter Platz ist zwar toll, hat aber keine Dusche, weshalb wir am nächsten Tag zum Big Whiteshell Platz wechseln, der immerhin bis Oktober geöffnet hat. Die Rezeption ist aber für den Tag geschlossen, ein Parkmitarbeiter sagt freundlich „just go camping“. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, bekommen wir etwa noch eine Nacht geschenkt? Den Tag über erkunden wir die Umgebung, laufen einige Wege und sind überrascht, wie schnell hier der Herbst angekommen ist. Wir machen uns einen gemütlichen Tag mit Pfannkuchen und Apfelmus (von den Amischen und fast so lecker wie Omas Apfelmus). Auch das Auto wird mal wieder geordnet und sortiert, die Winterklamotten aus der Dachkiste geholt und die Sommersachen endgültig in diese verbannt. Am nächsten Tag gehen wir dann erneut zur Rezeption und wollen bezahlen. Leider ist das Computersystem abgestürzt und die Dame kann uns nicht einbuchen, sie freut sich und verkündet, dass es damit wohl nichts kostet, so ein Glück, unfassbar!

Bei dem Pine Tree Walk am Betula Lake (da mussten wir schmunzeln) packen wir dann doch nochmal das T-Shirt aus, so warm ist es in der Sonne. Immer am Fluss entlang mit weiten Ausläufen ist das Gebiet ideal für kanadischen Wildreis. Danach geht es zu einem Schutzgebiet für Kanada Wildgänse. Man hört sie schon von weitem schnattern. Das Hinweisschild verrät, dass gerade 862 Gänse da sind. Man kann um den See laufen und die Tiere ausgiebig beobachten. Gegründet wurde dieses Schutzgebiet von Alfred Hole der, um eine Wette zu gewinnen vier Gänse großzog. Als deren Nachkommen jedes Jahr wieder an ihren Geburtsort zurückkehrten, gründete er dieses Schutzgebiet, in das nun jedes Jahr hunderte von Tieren, alles Nachkommen der Ursprungsgänse kommen.

Not macht erfinderisch. Unsere Schuhe sind durch die überschwemmten Wanderwege ständig nass und im Auto besteht keine Chance sie wieder zu trocken, deswegen muss Abhilfe her. Genutzt wird die Fußlüftung im Beifahrerraum, ein Schlauch und Panzerband, fertig. Ist bereits getestet und für gut befunden. Einziger Nachteil, sie kann nur im Fahrbetrieb genutzt werden.

Winnipeg, die beschauliche Hauptstadt Manitobas. In der Carlton Street parken wir unser Fahrzeug, von hier aus können wir ins Zentrum laufen. An so manchem Block fühlen wir uns, als wären wir gerade im sozialen Brennpunkt gelandet. Im Stadtteil The Forks ist es dann doch ganz hübsch und wir finden die Forks Markets im ehemaligen Eisenbahngebäude. Bei einem ukrainischen Restaurant gönnen wir uns Piroggen mit gefüllten Krautrouladen. Herrlich, mal wieder europäisch zu essen. Zu unserer Überraschung verkauft der Bäcker nebenan tatsächlich echtes deutsches Brot. Darauf haben wir die letzten 2,5 Monate gewartet und schlagen zu. Der Name verspricht nicht zu viel, es schmeckt wie echtes deutsches Brot! Wir haben uns zwar angewöhnt selbst zu backen, aber hauptsächlich Brötchen und mit zunehmend kälterem Wetter klappt es auch nicht mehr so gut mit dem Teig, bei nächtlichen 5°C will der Sauerteig einfach nicht und auch die Hefe ist zickig.

Gelb-Kopf-Route. Bei der Fahrt auf der Yellowhead-Route Richtung Westen fahren wir dann kilometerlang geradeaus, nicht mal eine Biegung, alles ist im 90° Winkel angelegt. Zu allen Seiten sehen wir Weizenfelder soweit das Auge reicht und ganz sicher noch viel weiter. Auch Raps und Sonnenblumenfelder gibt es, direkt neben dem Testfeld für genmanipulierten Soja. Hin und wieder stehen Silos bereit, die ihren Inhalt direkt auf den Zug verladen können. Ein gefühlt unendlich langer Güterzug ist das Highlight der Fahrt. Wir sind nicht unglücklich, als wir endlich im Riding Mountain Nationalpark ankommen.

Vom Kanu aufs Pferd. Pelzhändler sind hier früher auf das Pferd umgestiegen, um die Hügellandschaft zu durchqueren. Früh schon kommen wir im Park an und sind die ersten Gäste im Besucherzentrum. Gut für uns, so können wir in Ruhe mit der netten Dame plaudern. Sie empfiehlt uns den abgelegenen Campingplatz Lake Audy, direkt am Bisongehege und mit sehr guter Chance Wildlife zu sehen. Die perfekte Jahreszeit sei es, um den Park zu besuchen. Umso besser, da wir hier einige Tage verbringen wollen.

Wir sind fast die einzigen Gäste auf dem Campingplatz. Gleich am ersten Abend besucht uns ein Hirsch und frisst genau gegenüber von unserem Standplatz die Büsche leer. In Wasagaming hingegen, der einzigen Stadt wimmelt es von Parkplätzen, Souvenirshops, und Ferienhäusern. Am Besonders beeindruckt sind wir von den Farben des Herbstes. Diese Vielfalt und Intensität ist uns zu Hause nie aufgefallen. Haben wir einfach nicht hingeschaut, weil wir zu beschäftigt mit anderen Dingen waren?

Bisons. Die Tiere wurden lange Zeit gejagt, beinah ausgerottet und sind jetzt auf den Schutz des Nationalparks angewiesen. Das Gebiet grenzt sich nicht durch Gatter, dafür aber ein Gitter auf der Straße ab, über das die Tiere nicht laufen. Wir fahren einspurig durch eine weite Prärielandschaft, im Hintergrund bunter Herbstwald. Wir fühlen uns sofort wie bei einer Safari (das passende Auto haben wir ja bereits). Das erste Bison finden wir schnell. Es lässt sich in keinster Weise von uns beeindrucken und grast friedlich vor sich hin. Weiter im Norden beobachten wir noch eine ganze Herde, allerdings ist die weit von der Straße entfernt.

Unser Lieblingscafé entdecken wir in Odanole, Michaels Bookstore. Hier ist selbst um diese Jahreszeit Schlange stehen angesagt. Neben dem Buchladen werden Möbel und Handarbeiten aus ganz Asien angeboten, die Besitzer verbringen den Winter in Asien und kaufen dort ein. Bei Biokaffee und Tee lernen wir Phil und seine Frau kennen, die in Odanole ein Ferienhaus haben. Wir erfahren, dass die Bewohner durchaus stolz sind auf ihre Provinz. Zwar sei hier kein großer wirtschaftlicher Boom wie beispielsweise in Alberta (Öl!), aber dafür eine stabile Wirtschaft mit vielen Pfeilern, die auf Dauer deutlich gesünder sei. Sogar viele Abgewanderte sind nach einiger Zeit wieder zurückgekommen. Dennoch kämpft die Provinz mit der Instandhaltung öffentlicher Straßen, da die Einwohnerzahl einfach zu niedrig ist. Schön zu wissen, dass die Leute gerne hier wohnen und stolz auf ihre Region sind.

Wir verlassen den Park schließlich Richtung Norden und fahren weiter durch die Prärie in Richtung Saskatchewan.

Reisezeit: 18.9.16 – 27.9.16, 1150 km

Eine Antwort zu “Manitoba – goldene Zeiten”

  1. Ulrike Kemmerer 9. Oktober 2016 bei 12:34

    Hallo Ihr Beiden.
    Dankeschön für den wunderschönen Beitrag und die wunderbaren Fotos. So die Natur und die Tiere zu erleben, einfach traumhaft.
    Die Herbstfarben der Bäume, einfach sehr schön anzusehen.
    Vielen Dank dafür.
    Habt weiterhin viel Spaß auf eurer Tour.
    Ganz liebe Grüße von
    Eurer Ulli

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