Mexico IV – Abenteuer Kupferschlucht

Fast ohne Informationen machen wir uns auf den Weg in das Gebiet der Tarahumara-Indianer in die Sierra Madre Occidental im Norden Mexikos. Das zerklüftete Gebiet der Kupferschlucht ist viermal so groß wie der Grand Canyon und zudem bekanntes Anbaugebiet für Marihuana. Begleite uns auf unserem bisher größten Abenteuer…

Festland, wir kommen

Nachdem wir mit 3stündiger Verspätung im Dunkeln um 23 Uhr in Topolobampo (Los Mochis) am Hafen ankommen, fahren wir nur noch bis zur nächsten Tankstelle. Zwar ist die Pemex nicht gerade ein attraktiver Ort zum Übernachten, aber eine andere Alternative haben wir gerade nicht. Zwar werden wir mitten in der Nacht von einem Auto umrundet was uns kurzzeitig hellwach und regungslos im Bett liegen lässt, aber ansonsten verbringen wir eine ruhige Nacht.

In Los Mochis heißt es erstmal wieder Großeinkauf, denn insbesondere die Obst- und Gemüse-Vorräte sind aufgebraucht. Eine weitere Besorgung die wir gerne machen wollen, ist ein Pfefferspray. Zwar haben wir es bisher noch nicht vermisst, aber man weiß ja nie. Die Internet-Recherche half wie so oft in Mexiko nicht weiter, also müssen wir uns wohl oder übel durchfragen. Im dritten Baumarkt haben wir endlich Glück, denn zufällig hört ein Kunde unserer Unterhaltung zu und erzählt, dass er Polizist ist. Er überlegt kurz, ruft kurz zu Hause an, und steht keine 10 Minuten später mit dem Spray in der Hand wieder im Laden. Es sei ein Geschenk, zahlen dürfen wir nichts.

Fahrt ins Grüne

Die Fahrt nach El Fuerte beschert uns den Anblick auf den wir nun schon so lange warten – endlich sehen wir wieder Grün. Nach mehreren Monaten in der Wüste, karger Landschaft, Sand und Staub freuen wir uns wie irre über jeden Baum, den wir zu Gesicht bekommen. Im Hintergrund eine Berglandschaft, neben der Straße blühen sogar Pflanzen, es kommt uns wahrhaftig wie eine Fahrt durch den Dschungel vor. Am Straßenrand werden wie gehabt Tacos und Ähnliches angeboten, auch Backwaren aus einem Erdofen sind im Angebot. Schade, dass wir in Los Mochis so viel eingekauft haben, hier wäre unsere Chance gewesen. Bei den Eimern voller Mangos am Straßenrand können wir dann aber doch nicht widerstehen, schnell erstehen wir einen Eimer für nur 30 Pesos (1,50 EUR), wir schätzen den Inhalt auf 3-4 kg. Oh du fröhliche Mangozeit!

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Kupferschlucht – Barrancas del Cobre

Die Kupferschlucht, Copper Canyon oder Barrancas del Cobre, ein Begriff, den wir bei der Routenplanung für Mexiko immer wieder zu hören bekommen. Es handelt sich um eine Gebirgsformation in der Sierra Madre Occidental im Bundesstaat Chihuahua und ist am leichtesten zu bereisen mit dem berühmten Zug, El Chepe (offiziell Ferrocarril Barrancas del Cobre), der von Los Mochis bis Chihuahua fährt. Noch schönere Eindrücke von dem Canyon selbst soll man allerdings haben, wenn man mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs ist. Vom Süden her kommend scheint die Anreise nur über beschwerliche Schotterpisten möglich, die auf kurzer Strecke große Höhenunterschiede überwinden. Das klingt doch genau nach unserem Geschmack!

Planungsgedanken

Die Regenzeit ist gerade erst vorbei und wir wollen uns vor einem Aufbruch ins Ungewisse unbedingt über den Straßenzustand informieren. Auf unserer OSM-Karte finden wir zumindest eine dünne gestrichelte Linie von Choix bis Urique, jemand der diese Strecke bereits gefahren ist kennen wir allerdings nicht. Überhaupt ist es schwierig an Informationen zu kommen, das Internet schweigt sich weitestgehend aus (danke nochmals an Dani und Cel für ihren Bericht). Auch die Sicherheitslage in diesem (ehemaligen?) Drogenanbaugebiet muss geklärt werden. Doch wie kommen wir an weitere Informationen?

In El Fuerte haben wir uns ein Tourismusbüro ausgesucht, in dem wir uns über Anfahrt und Straßenzustand zur Kupferschlucht erkundigen wollen. Schnell stellen wir fest, dass dieses Büro nicht mehr existiert. Deshalb fahren wir erstmal zu unserem heutigen Schlafplatz, einem Hotel, bei dem auch Camper erlaubt sind. Hier erkundigen wir uns nach der Kupferschlucht und erhalten sogleich ein Kopfschütteln. Nein, zu dieser Jahreszeit mit dem Regen, da sei die Straße von Choix nach Urique nicht befahrbar. Stattdessen wollen die Besitzer uns zu einer Zugfahrt überreden, das Auto kann bei ihnen untergebracht werden, sie organisieren auch das Taxi zum Bahnhof. Enttäuscht verabschieden wir uns innerlich schon von dem Highlight Kupferschlucht, denn nachdem wir die Preise für die Zugfahrt, Hotel und Autopension überschlagen steht für uns fest, dass diese Option nicht in Frage kommt. Hinzu kommt, dass wir vor Ort kein Auto hätten und somit sowohl auf den Zugfahrplan als auch auf Touranbieter vor Ort angewiesen wären und das passt so gar nicht zu unserer Entdeckerfreude.

Was nun? Ein Blick in die Landkarte verrät, dass es eine asphaltierte Alternative gibt, mit knapp 900 km extra Strecke. Keine wirkliche Alternative. Schließlich holen wir uns in El Fuerte weitere Meinungen ein und spazieren einfach in verschiedene Hotels und befragen die Rezeptionisten. Im ersten Hotel erklärt der Besitzer, dass die Straße offen und absolut in Ordnung sei, ein Allradfahrzeug wäre nötig, ansonsten hat er keinerlei Bedenken. In einem zweiten Hotel verbindet mich die Rezeptionistin per Telefon mit einem Touranbieter, auch er bestätigt das wir fahren können. Zwar möchte er uns gerne ein Begleitfahrzeug anbieten da der Weg nur schwer zu finden sei, aber das lehnen wir dankend ab.

Bunte Hunde in Choix

Bestärkt in unserem Unterfangen die Kupferschlucht nun doch zu erkunden fahren wir nach Choix, erstmal der letzte Ort zu dem eine Asphaltstraße führt. Das Städtchen hat Flair und wird gerade mit Fähnchen in den Nationalfarben für den kommenden Unabhängigkeitstag geschmückt. Touristen scheinen sich hier nur selten her zu verirren, denn in der Stadt werden wir von allen angestarrt, einige Mutige fangen sogar ein Gespräch mit uns an. Allein die Schlafplatzsuche gestaltet sich schwierig, beim Durchqueren der Stadt finden wir so gar nichts passendes. Etwas verzweifelt versuchen wir unser Glück bei deinem Freund und Helfer, der örtlichen Polizei-Station. Der nette Polizist telefoniert für uns, dann fahren wir im Konvoi durch die Stadt zur Touristeninformation. Der Polizist übergibt uns in die Hände zweier junger, motivierter Mitarbeiter und weiter geht die Fahrt. Am Ende der Straße wohnt ein Freund, bei dem wir im Garten übernachten können. Sie entschuldigen sich sogar, dass es kein Restaurant in unmittelbarer Nähe gibt und laden uns für den Nachmittag nochmal in ihr Büro ein, um uns weitere Tipps zu geben. Offensichtlich sind wir eine nette (und sehr seltene) Abwechslung zum Papierblumen falten für den Unabhängigkeitstag, denn unser Besuch wird auch gleich fotografisch dokumentiert. Als wir nach Kartenmaterial über die Kupferschlucht fragen, drucken sie uns spontan eine Karte von Google Earth aus und zeichnen mit Filzstift den Weg und die Orte ein, an denen wir vorbeikommen werden.

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Persönliche Staudamm-Führung

Früh geht es los, denn das Besucherzentrum hat heute für uns einen Besuch des Staudamms und der bemalten Höhle vermittelt und danach wollen wir die ca. 170 km bis Urique fahren. 7-8 h wurden von der Touristeninformation veranschlagt, es sollte also passen. Am Staudamm kommen wir erstmal nur bis zum Sicherheitstor. Als wir fragen ob wir die Anlage besichtigen können, müssen wir erstmal kurz warten und fünf Minuten später steigt dann schon der bewaffnete Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes auf den Beifahrersitz. Wir fahren durch den Zufahrtstunnel und parken auf der Staumauer, undenkbar wäre dies in den Staaten gewesen wo nur wenige Sondergenehmigungen ausgestellt wurden. Wir werfen einen Blick auf das Bauwerk und unsere persönliche Begleitung erklärt nicht ohne Stolz, dass hier der Strom für das ganze Gebiet erzeugt wird. Direkt neben dem Damm befindet sich ein Tunnel, der von der indigenen Bevölkerung gestaltet wurde. Ungefähr 100 Meter durch den Berg führt der Tunnel mit seinen 4000 m2 bunt bemalten Flächen.

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Das Abenteuer beginnt – Kupferschlucht voraus!

Um 10 Uhr treten wir dann etwas aufgeregt die Reise Richtung Urique an. In einer Hand halte ich die ausgedruckte Karte mit der Filzstift-Route aus Choix, in der anderen das Handy mit dem erstellten Track der OSM-Karte. Was gestern auf den ersten Blick sehr ähnlich aussah, kann ich jetzt nicht mehr so richtig zur Deckung bringen. Wir halten uns brav an die Anweisung vom Touristenbüro, biegen an der Kreuzung links ab um dann keine 10 Minuten später in der Sackgasse vor einem Fluss/See zu stehen. Das fängt ja gut an. Auch der OSM-Track befindet sich einige Kilometer neben unserem Standort. Wir drehen um und versuchen eine Abkürzung querfeldein zu nehmen, wir fahren an irritiert guckenden Bewohnern vorbei und bleiben fast im zugewachsenen Flussbett stecken. So geht es nicht, wir müssen zurück zur Hauptstraße und nochmal gucken wo wir falsch gefahren sind. Zurück am Ausgangspunkt bemerken wir dann unseren Fehler, wir sehen die alte Straße die parallel verläuft und der passende Abzweig ist sogar mit einem Schild gekennzeichnet, na also. Die nächsten zwei Stunden fahren wir mit wunderschönem Blick auf den Rio auf einer recht schmalen und allradigen Straße hoch und runter ohne einen anderen Menschen zu sehen. Es ist wunderschön, aber wir kommen nur langsam voran und bezweifeln, ob wir Urique bei Tageslicht erreichen können. Und dann stehen wir wieder vor dem Rio El Fuerte, der sich an dieser Stelle seeartig vor uns ausbreitet. Kurz überlegen wir, ob das noch die Auswirkungen der Regenzeit sein können, dann sehen wir im Schatten einige Leute sitzen, die uns versichern, dass hier gleich eine Fähre kommt. Überrascht zeigen wir unsere Papierkarte und fragen, wo wir denn gerade seien, die fleißigen Mitarbeiter aus Choix hätten uns doch keine Fährfahrt verschwiegen, wundern wir uns. Eine Frau grinst mich an und bestätigt was wir bereits geahnt hatten: wir sind nicht auf der eingezeichneten Route, sondern vielmehr auf der „Abkürzung“. Jetzt wird mir klar, warum der Verlauf beider Routen so unterschiedlich aussah. Während unsere OSM-Route den direkten Weg vorschlägt (inklusive Fährfahrt, hätte man sich die Route mal im Detail angeschaut) geht die eigentliche Straße in deutlich besserem Zustand außen herum. Unser Weg sei dennoch befahrbar, nur eben deutlich langsamer.

Auf die Fähre passen genau zwei Fahrzeuge und einige Passagiere. Die anderen Fahrgäste wohnen in den Bergen verteilt wohnen und kommen gerade vom Einkaufen in der Stadt, was auch die überfüllte Ladefläche des Pickups erklärt. Die Fährfahrt wird genutzt um die Kühlbox um einige Tecate leichter zu machen, wir lehnen zu ihrem Erstaunen sowohl das Bier als auch das mit Marihuana gefüllte Marmeladenglas ab. Nach einer halbstündigen Fahrt kommen wir sicher am anderen Ufer an, der kleine Bootsmotor hat doch gute Dienste geleistet.

Weiter holpern wir bei langsamem Tempo durch die Berge und fahren anschließend weiter in einem Flussbett. Wir freuen uns endlich mal etwas schneller voran zu kommen, da bemerken wir erneut eine Abweichung von der Route. Kurz fahren wir noch weiter, da kommen wir schon in ein kleines Dorf, wo wir uns nach dem Weg erkundigen. Einige Jugendliche deuten wild gestikulierend zurück und auf die andere Seite des Berges und vor allem hoch, ¡Sube! Die Jugendlichen sind offensichtlich zugedröhnt und völlig unzurechnungsfähig, ohje. Jetzt wird es uns doch etwas mulmig zumute, immerhin sind wir doch mitten im Nirgendwo, doch zum Glück hatten wir wenigstens Handy und Kamera längst aus dem Sichtfeld entfernt. Schnell drehen wir um und verlassen das Dorf, zum Abschied winken uns die Bewohner freundlich zu, böse Absichten hatten sie also nicht. Wieder zurück sehen wir nun von der anderen Seite kommend auch den Abzweig der tatsächlich steil den Berg emporklettert. Mit Untersetzung und maximal dem zweiten Gang tuckern wir Stück für Stück den Berg hoch um oben stückweise auf einem Kamm zu fahren mit beidseitigem Ausblick in die bereits zu erahnenden Canyon-Landschaften. Erstmal geht es wieder runter und vereinzelt kommen wir jetzt auch an Häusern und kleineren Ansiedlungen vorbei. In einem Dorf treffen wir auf eine Mutter mit ihrem Sohn an der Kreuzung, wir fragen sie nach dem Weg, den sie bestätigen und wollen gerne bis San Isidro mitgenommen werden. Bei einer Frau mit kleinem Kind haben wir keine Sicherheitsbedenken und so mache ich es mir hinten mit dem Surfbrett gemütlich während Esperanza mit ihrem Sohn Eduardo auf dem Beifahrersitz mitfahren. Wieder geht es steil bergauf und diesmal ist es der echte Anstieg auf über 2000 m. Wir fahren und fahren, es wird immer später und ich immer unruhiger, weil mittlerweile klar ist, dass wir es auf keinen Fall im Hellen schaffen können. Mit Schlafplätzen sieht es allerdings ebenfalls schlecht aus, an den meisten Stellen ist es viel zu steil und auch Seitenstraßen können wir nicht ausmachen. Nach über zwei Stunden schweigender Fahrt meldet sich dann die schüchterne Esperanza zu Wort und erklärt, dass es bis Urique noch immer drei Stunden Fahrt seien, bis in ihr Dorf Poroche noch zwei Stunden und gerade bricht die Dämmerung an. Wir wollen weder im Dunkeln bis Urique fahren, noch eine Frau im dunklen Wald absetzen, also fragen wir ob es in ihrem Poroche eine Übernachtungsmöglichkeit für uns gäbe. Sie verneint zuerst, aber bietet dann an bei ihr am Haus zu übernachten. Das scheint für alle die beste Lösung zu sein und beruhigt geht es weiter. Als dann wie aus dem Nichts ein Dorf mit schicken Häusern und teuren Autos auftaucht sind wir froh bei der Kontrolle am Ortsausgang eine Einheimische dabeihaben, sodass wir weiterfahren dürfen. Die Straße wird jetzt eine gut ausgebaute Schotterstraße und hier wären wir auch mit der anderen Route angekommen. Um nach Poroche zu gelangen biegen wir erneut auf einen schlechten Waldweg ab, nochmal 6 km, dann ist es geschafft.

Wir parken direkt vor dem Haus und Esperanza versichert uns, dass hier nichts passieren wird. Völlig platt von dem langen Fahrtag sitzen wir im Auto und sind erleichtert, wie wir trotz falscher Route und schlechter Planung hierhergekommen sind. Esperanza zeigt uns ihr zu Hause und wir sind sprachlos. Blanke Betonwände und Böden, zwei Betten aus zusammengenagelten Brettern und einigen bunten Stoffen für eine wohnliche Atmosphäre. Weder einen Tisch noch Stühle sehe sich, dafür gibt es Strom und Gas zum Kochen, das Wasser muss aus dem Fluss geholt werden. Bei diesem Anblick wird uns wieder einmal schlagartig klar, in welchem Luxus wir doch leben, egal ob in Deutschland oder unterwegs und wie wenig Gedanken wir uns beispielsweise um sauberes Wasser machen müssen, was jederzeit und unbegrenzt aus dem Wasserhahn kommt. Esperanza bietet uns sogar an, im Haus zu nächtigen und selbst bei ihrer Schwester unterzukommen. Sie ist Lehrerin in unterschiedlichen Schulen und ohne Auto immer auf eine Mitfahrangelegenheit angewiesen. Wie sie an diesem Tag ohne uns nach Hause gekommen wäre erfahren wir nicht, andere Autos haben wir jedenfalls nicht gesehen. Unsere Nacht hier ist sehr ruhig und aufgrund der Höhe angenehm kühl und wir erwachen mit Blick in den Nadelwald und neben dem wirklich dreckigen Fluss. Einige recht spartanische Häuser und ein rostiger Spielplatz rücken auch ins Sichtfeld, es wirkt alles recht trostlos. Der 8jährige Eduardo ist morgens um 8 schon für den Tag gestylt und spielt am liebsten draußen am Fluss. Besonders stolz zeigt er uns seine goldgesprenkelten Steine, die er immer in seiner Hosentasche trägt. Heute fährt er mit seiner Mutter bis nach Creel, wieder eine lange mehrstündige Reise diesmal aber im Sammeltaxi. Bei meiner Frage nach seiner Schule, schüttelt er nur den Kopf. Wir sind froh, die beiden wenigstens wieder bis zur Hauptstraße mitnehmen zu können und völlig unerwartet bekommen wir dann zwei Tüten voller Geschenke zum Abschied. Äpfel und Pfirsiche aus dem Dorf in der einen Tüte, eine selbstgenähte Puppe, ein geflochtenes Körbchen und eine handgenähte Tracht aus Rock und Bluse für mich sind in der anderen Tasche. Zum Abschied schenkt sogar Eduardo uns einen seiner wohl behüteten Goldsteine und wir stehen gerührt da und gucken wie die beiden auf ihrem Weg zum Sammeltaxi im Wald verschwinden. Dankbarkeit für diese außergewöhnliche Begegnung und die prägenden Eindrücke in eine uns völlig fremde Welt begleiten uns auf dem Weg nach Urique.

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Der tiefste Canyon – Urique

Nach der kühlen Nacht bewegen wir uns serpentinenartig langsam aber sicher hinab in den tiefsten Canyon der Kupferschlucht bis nach Urique. Vom Boden bis zum Rand misst er sagenhafte 1870 Meter Höhenunterschied. Nachdem wir den Kiefernwald verlassen bietet die gut ausgebaute Schotterstraße sagenhafte Ausblicke in die Tiefe. Grüne zerklüftete Bergrücken so weit das Auge reicht und am Boden der Schlucht erblicken wir bereits das Dorf nahe am Rio Urique. Etwa auf halbem Weg kommt uns dann eine Kolonne von ca. 50 Fahrzeugen der mexikanischen Spezialeinheit Fuerzas Especiales (FES) entgegen. Diese Einheit war es auch, die an der Festnahme von Drogenboss „El Chapo“ beteiligt war. Noch nie haben wir eine so schwerbewaffnete Einheit hautnah erlebt und erinnern uns spontan an die Worte im Lonely Planet, der das Einkommen der Stadt durch Marihuana-Handel beschreibt. Urique selbst finden wir recht verschlafen, die obligatorische Kirche und einige Hotels/Restaurants laden zum schlendern ein. Für ausgedehnte Wanderungen ist es uns mittags zu heiß, denn mit abnehmenden Höhenmetern steigt die Temperatur, beinah tropisch ist das Klima hier unten. Deshalb verbringen wir den Nachmittag lieber auf unserer Veranda am Fluss. Als wir ratlos vor dem geschlossenen Campingplatz standen kam der Nachbar und hat uns sozusagen abgeworben, da sein Garten ohnehin viel schöner und auch näher am Fluss sei. Da sagen wir doch nicht nein. Einzig wird die Ruhe von zahlreichen Stechmücken gestört gegen die auch unser Insektenmittel nicht hilft.

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Alles kommt zusammen in Divisadero

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie nah wir bereits an Batopilas sind, nur einige Kilometer im Osten, dazwischen liegen hohe Berge, die angeblich existierende Straße ist aber sogar für uns zu abenteuerlich. Mit Glück könnte man sie in zwei Tagen fahren, über den Zustand weiß allerdings niemand etwas. Für uns geht es deshalb auf gleichem Weg wieder nach oben und weiter Richtung Norden bis wir in Cerocahui auf eine asphaltierte Straße, Märkte und Tankstellen treffen. Eine weitere Anhalterin nehmen wir mit bis in die nächste Stadt San Rafael, wo sie mittags Maistaschen, sogenannte Gorditas backt an der Bahnstation. In Divisadero kommen wir pünktlich mittags zusammen mit dem Zug an um das Treiben an und um die Bahnstation herum zu beobachten. 20 Minuten Aufenthalt reichen den Fahrgästen gerade für einen kurzen Einkauf auf dem Kunsthandwerksmarkt oder für frisch zubereitete Gorditas aus blauem Mais und gefüllten Paprika. Zum Glück können wir den größten Trubel abwarten und uns anschließend die besten Gorditas aussuchen und in Ruhe essen.

In Divisadero sehen wir dann auch zum ersten Mal die traditionell gekleideten Tarahumaras. Dieses indigene Volk gilt als einzige Gruppe, die nie von den Eroberern unterworfen wurde und die sich durch ihre Abgeschiedenheit viel von ihrer traditionellen Lebensweise erhalten konnte. Bekannt sind sie für ihre Langstreckenläufer und nennen sich selbst Rarámuri (die, die schnell laufen können). Nur mit Sandalen aus Autoreifen mit Lederriemen bekleidet (sogenannte Huaraches) legen sie 24 h Läufe und bis zu 300 km lange Strecken durch die Schluchten zurück. Die Frauen tragen bunte Faltenröcke, ein Kopftuch und oft sehen wir sie mit einem Kind auf dem Rücken gebunden und gleichzeitig korbflechtend an den Bahnstationen sitzen, wo sie ihre Korbwaren, Kleidung und Schmuck verkaufen.

Hinter der Bahnstation befinden sich dann verschiedene Aussichtspunkte die einen die Tiefe und Weite der Canyonlandschaft bewundern lassen. Außerdem befindet sich in Divisadero auch ein Abenteuer-Park mit Seilbahn und einer Zip-Line. Als wir im völlig überteuerten Restaurant ein Eis mit Maisgeschmack essen (sehr gewöhnungsbedürftig) und überlegen ob wir uns dieses teure Erlebnis nun gönnen wollen oder nicht, wird uns die Entscheidung abgenommen. Ein plötzlicher Starkregen vermiest uns die Stimmung und die Zip-Line wird kurzerhand geschlossen.

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Über Nacht im Tarahumara-Dorf

Gerade wieder auf dem Weg weiter nach Creel sehen wir ein vielversprechendes Schild, das auf ein Kunsthandwerk mit Campingmöglichkeit hinweist. Eine einspurige Straße führt auf einen kleinen Tafelberg, ein Mann der mit 20 kg Mehl auf dem Rücken den Berg hochläuft fragen wir ob es dort zum Camping geht. Zwar gibt es kein Camping, aber wir dürfen trotzdem bleiben und stehen über Nacht mitten im Tarahumara-Dorf. Es gibt nur drei Häuser und die Familien scheinen vom Maisanbau und Kunsthandwerk zu leben. Kaum haben wir unser Dach aufgeklappt kommen schon die ersten Kinder angelaufen und wollen uns ihre Armbänder und Körbe verkaufen. Als dann auch die Mutter in aller Ruhe ihre Decke und darauf die Ware ausbreitet können wir kaum widerstehen und ich suche mir reisekompatible Armbänder aus. Die beiden Töchter freuen sich über die willkommene Abwechslung und spielen den ganzen Abend neben und um unser Auto herum und beobachten genau was wir so machen. Zwar scheinen sie hier oben noch recht traditionell zu leben, aber als wir ankommen hat eine der Töchter eine Tüte Chips in der Hand. Wir versuchen uns im Gespräch mit den Mädels, haben aber nicht das Gefühl als würden sie uns verstehen. Abends wird es empfindlich kalt und wir kramen aus den Tiefen des Autos die Fleece-Jacken hervor. Morgens verabschieden wir uns von den Mädchen mit komplizierten Namen und fahren weiter Richtung Creel.

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Rund um Creel

Noch bevor wir Creel erreichen kommt der Abzweig zu den Thermalquellen Rekowata (Aguas Termales Rekowata) und ein warmes Bad kann nach den letzten Tagen ohne Dusche gar nicht schaden. Nach 11 km Schotterpiste kommt ein Parkplatz mit einem großen Schild, das die Durchfahrt für alle Nicht-Allradfahrzeuge verbietet. Wir verstehen das Schild falsch und denken wir dürften nicht weiterfahren und kommen somit etwas unfreiwillig in den Genuss einer schweißtreibenden Wanderung bei über 30°C steil den Berg hinab. Belohnt werden wir mit perfekt temperierten Schwimmbecken, die mit Thermalwasser direkt aus dem Berg gespeist werden und auch die Aussicht ist super. Getrübt wird das Vergnügen durch den bevorstehenden Anstieg, denn unsere Kekse sind längst gegessen und auch Wasser haben wir nicht genug mitgenommen. Zurück am Auto sind wir dann aber doch ganz froh uns endlich mal wieder bewegt zu haben.

In Creel stehen wir auf einem alten Koa-Campingplatz von dem aus wir zu Fuß die Stadt erkunden können. Hier gibt es zahlreiche Souvenirläden, neben der Zugstation befindet sich die Plaza auf der wieder die bunten Tarahumaras ihre Stände aufgebaut haben. Bei der Kunsthandwerks-Mission finde ich die traditionellen Huaraches, deren Erlös der Krankenversorgung der Tarahumaras zugutekommen soll. Im Museum nebenan erfahren wir mehr über die Lebensweise des indigenen Volkes.

Wir besuchen die Missionskirche San Ignacio mitten in der Tarahumara Siedlung, halten am Lago Arareko und fahren weiter bis zum Wasserfall Cusárare. Hier fahren wir eine Ausfahrt zu früh ab und landen an einem Eingang wo wir zwar den Eintritt zahlen können, aber nicht durchfahren können. Damit wir den richtigen Weg finden, bietet der Mann seinen Sohn als Begleitung an. Der etwa 10jährige stellt eine Forderung von 10 Pesos (0,50 EUR) und wir laden ihn spontan ein und fahren los. Er leitet uns zum nächsten Eingang und wandert dann mit uns zu dem Wasserfall. Als wir von dem Aussichtspunkt zurückkommen hat er seinen Lohn bereits in Chips und Süßigkeiten investiert.

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Batopilas – eine tiefe Schlucht und viele offene Fragen

Um noch einmal auf den Grund der Schlucht zu gelangen, haben wir uns Batopilas als Ziel ausgesucht. Ähnlich wie bei der Urique-Schlucht fahren wir von über 2200 m in kürzester Zeit auf 500 m herunter. Diesmal ist die Straße zwar asphaltiert, gleicht aber dank heruntergefallener Felsbrocken eher einem Hindernis-Parcours als einer Straße. Ob wirklich ständig so viele Felsen abbrechen oder die Steine nur selten weggeräumt werden ist unklar. Wir versuchen auf jeden Fall größere Aufenthalte auf der Straße zu vermeiden. Die Blicke in die Schlucht sind auch hier beeindruckend, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie bei Urique, das Dorf ist wiederum ähnlich an den Fluss im Tal gebaut. Wir durchqueren das Dorf und fahren noch einige Kilometer weiter bis Satevo, wo es eine alte Missionskirche gibt. Eine Frau schließt uns auf und führt uns herum, eine Spende wird hinterher erbeten. Zwar könnten wir hier übernachten, aber so richtig gefällt es uns nicht. Beim Zurückfahren finden wir dann das ideale Restaurant, etwas außerhalb von Batopilas gelegen mit großem Garten und zwei abschließbaren Toren, dazwischen ein hoher Zaun mit Stacheldraht. Hätten wir hier schon skeptisch werden sollen? Unbedarft fahren wir herein und fragen im Restaurant nach einer Übernachtungsmöglichkeit und dürfen gerne bleiben. Als Gegenleistung essen wir hier zu Abend und unsere Augen werden nach und nach immer größer. Ein nagelneuer Ford Pickup für geschätzte 70.000 US-Dollar steht neben uns und das wo es auf der Karte kein Gericht für mehr als 5 EUR gibt und außer uns keine Gäste da sind. Neben uns sitzt der Sohn mit einigen Freunden, alle tragen teure amerikanische Klamotten und Funkgeräte. Ungefragt setzt sich der Sohn zu uns und fragt uns aus, was wir in der Gegend wollen. Wie gut, dass die Kamera im Auto liegt und wir nach harmlosen deutschen Touristen aussehen. Offensichtlich findet er uns auch nicht verdächtig und lässt uns in Ruhe. Als dann wiederum im Zehn-Minuten-Takt weitere Pickups mit schwer bewaffneten Jugendlichen beim Restaurant vorfahren staunen wir nicht schlecht. Zwar wussten wir, dass wir uns im Narco-Gebiet aufhalten, aber alle die wir gefragt haben, haben uns beruhigt und bestätigt, dass für Touristen keine Gefahr besteht. Die Anbaugebiete lägen so weit in den Bergen versteckt, dass ein zufälliges Treffen quasi ausgeschlossen ist. Das man von den Machenschaften hier dennoch so viel mitkriegt hätten wir nicht gedacht. Abends werden wir allein mit dem Wachhund auf dem Gelände eingeschlossen, hinter Stacheldraht kann uns jedenfalls nichts passieren und wir fühlen uns durchaus sicher. Gewissheit, dass wir hier wirklich in heißem Gebiet sind bekommen wir als wir Mausoleum auf dem Gelände entdecken. Das Bild zeigt einen Mitte 20jährigen, behängt mit Goldketten. Die Mosaik-Fenster zeigen gekreuzte Maschinengewehre, ein Flugzeug, Autos und Frauen; wir vermuten, dass es sich um eins der zahlreichen Opfer im Drogenkrieg Mexikos handelt. Die Kamera packen wir sicherheitshalber hier lieber nicht aus, auch wenn wir uns nicht unsicher gefühlt haben sind wir doch froh am nächsten Tag wieder aus der Schlucht herauszufahren. Gerne hätten wir mehr erfahren über das Leben im Dorf und das Ausmaß des Drogenhandels. Nur wenn hätten wir dazu befragen sollen? Wir haben gelesen, dass die Tarahumaras oft zum Drogenanbau gezwungen werden und viele Familien mit Kindern das Dorf deswegen verlassen. So verlassen wir das Gebiet mit vielen offenen Fragen und einem mulmigen Bauchgefühl.

Zwar gibt es für die Weiterfahrt wieder einen direkten Weg von Batopilas nach Guachochi, den wir zu gerne genommen hätten. Da wir aber noch einmal zurück nach Creel wollen, verlassenen wir das Tal auf gleichem Weg wie wir gekommen sind. Warum wir noch einmal zurückfahren und was „Chepe“ damit zu tun hat schafft es erst in den nächsten Bericht.

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Unser Fazit zur Kupferschlucht

Ich kann nur sagen, die Kupferschlucht ist unser bisheriges Highlight der Reise! Zum einen landschaftlich unglaublich schön und für uns deutlich beeindruckender als der Grand Canyon, zum anderen touristisch kaum erschlossen, wenn man die Zugstationen und deren Einzugsgebiet verlässt. Dadurch ist hier viel Platz und vor allem Notwendigkeit zum selbstentdecken, zum durchfragen und Schlafplätze organisieren. Im Gegenzug wird man belohnt mit ganz besonderen Begegnungen. Wir möchten es wirklich jedem empfehlen, der gerne auch mal abseits der Pfade unterwegs sein möchte, es lohnt sich!

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Hier noch der Link zu unserem Copper Canyon Video

 

Unsere Route durch die Kupferschlucht

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Den Download von unserem Copper Canyon GPX-Track gibt es hier:

GPX-Track Hottahue Copper Canyon

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Reisezeit: 05.09.17 – 14.09.17

Los Mochis – El Fuerte – Choix – San Isidro – Poroche – Urique – Cerocahui – San Rafael – El Divisadero – Creel – Batopilas

6 Antworten auf “Mexico IV – Abenteuer Kupferschlucht”

  1. Ulrike Kemmerer 8. November 2017 bei 09:52

    Hola Katrin y Till.
    Que aventuras !!! Lei su blog von tados los emociones que tengo. Yo conozco solamente un parte chiquitito, pero la verdad es, que esa zona es bastante fantastico. Yo fui von el tren “Chepe” rojo. Tambien fue una aventura. Las vistas fueron enormes como Ustedes tambien escribaron.
    A encontrar a las Tarahumaras para mi me hechiceron personalmente. Todo el viaje hasta Chihuahua fue tambien una sorpresa y vivi muchas experiencias. Y a conocer a las Tarahumaras, que vivan von mucha pobreza me fascinaron. Siempre muy amable. Nunca me imagine eso.
    FANTASTICO!!!!
    Muchisimos saludos
    Ulli

    Antworten

    1. Hola Ulli,
      gracias por tu respuesta. Es verdad que toda la región está increíble.y para nosotros fue una gran aventura! Creo que también en el “Chepe” es una experiencia interesante y que tienes las vistas buenísimas.
      La manera de vivir de las Tarahumaras es una gran experiencia para mí también, aunque me parece difícil a conocerlos más profundos. Pero amable, sí, verdad!
      Chihuahua es seguramente un destino interesante y promisorio, pero para nosotros muy lejos para manejar de Creel.
      Muchos saludos de Barra de la Cruz,
      Katrin y Till

      Antworten

  2. Hallo zusammen

    Schade das Ihr von Batopilas nicht weiter gefahren seit. Eine irre Strecke 😊.
    Tolle Erlebnisse hattet ihr und vor allem macht es nicht jeder das ist noch reizvoller.
    Gruss aus Peru wo es noch viiiieeeeel extremer hoch und runter geht.
    Dani und Cel

    Antworten

    1. Hallo ihr beiden,

      danke für eure Antwort. Die Strecke von Batopilas steht auch wirklich noch ganz oben auf der Liste und wir finden es selbst schade, dass es nicht geklappt hat…
      Es hatte für uns tatsächlich den Reiz des Unbekannten und Ungewissen! Und wir sind echt froh, dass wir dort waren und haben aber von vielen gehört, die tatsächlich in Choix wieder umgedreht sind weil ihnen abgeraten wurde (warum auch immer). Andererseits habt ihr Recht denn gerade so bleibt es auch etwas besonderes 🙂

      Viele Grüße nach Peru,
      Katrin und Till

      Antworten

  3. Peter Burmeister 27. November 2017 bei 10:14

    Lieben Gruß aus dem nassen, kalten Deutschland !

    Tolle Bilder, toller Bericht von euch beiden.
    Wir haben unseren Landcruiser gerade fertig ausgebaut und schielen schon auf eure Tour.

    Bei Bedarf würden wir euch gerne einige Fragen zur Reise/Orgsnisation stellen !?

    Weiter schönes Reisen/ Entdecken

    Peter und Sigi

    Antworten

    1. Hallo Peter und Sigi!

      Danke für euer Lob 🙂

      Wann geht es denn bei euch los? Gerne beantworten wir euch eure Fragen zu der Reise oder Organisation, meldet euch einfach!

      Viele Grüße aus dem warmen und sonnigen Mexiko,
      Katrin und Till

      Antworten

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