Ontario I – Familienzeit

Auf uns wartet die bevölkerungsreichste Provinz Kanadas – Ontario. Zwar kein Meer, dafür aber befinden sich vier der fünf großen Seen in Ontario. Außerdem sind wir zum einen Gäste bei Kanadiern, zum anderen empfangen wir unseren ersten Gast auf der Reise und verbringen entspannte Tage auf dem Campingplatz in Toronto.

Der Übergang von Québec nach Ontario verläuft sang- und klanglos. Wir kommen von Norden über den Ottawa River in die Stadt und bemerken nicht mal ein Schild, das die neue Provinz angekündigt hätte und alle Straßenschilder sind weiterhin in französischer Sprache. Der erste Eindruck ist vielversprechend, der Fluss fließt mitten durch die Stadt, die von Park und Promenade umgeben ist. Da wir in Carleton Place, kurz hinter Ottawa mit Kerron und ihrer Familie verabredet sind, bleibt uns keine Zeit für einen ausgiebigeren Besuch der Stadt.

Besondere Einladung

In Neufundland haben wir eine Familie aus Mississippi Mills kennengelernt, die uns eingeladen hat, bei ihnen zu übernachten. Solche Einladungen wissen wir sehr zu schätzen, da dies die beste Möglichkeit ist, um Land und Leute kennenzulernen. Gleich am ersten Abend sind wir bei Kerrons Schwester Tracey zum Familiengrillen eingeladen. Im ersten Moment fühlen wir uns komisch, sind wir doch die Fremden, kennen niemanden und wissen nicht richtig, wie wir uns verhalten sollen. Jedoch sind alle sehr nett und interessiert an unserer Reise, sodass das Eis schnell gebrochen ist. Gegrillt wurden Burger, dazu gab es eine leckere Salatauswahl. Zum Nachtisch gab es Eis mit mehr als 10 verschiedenen Schokoladen- und Gummibärchen-toppings, dazu natürlich Ahornsirup (obligatorisch!) oder Schokoladensoße. Wir bekommen sogar ein Ahornsirup-Kochbuch geschenkt, für das Tracey die Bilder gemacht hat und dürfen mit auf das Familienfoto. Wir hatten einen tollen Abend und sind mal wieder begeistert von der selbstverständlichen Offenheit der Kanadier.

Ein Stück Heimat

Die nächsten zwei Tage verbringen wir mit Kerron und ihrer Familie. Wir dürfen im Garten parken und am ganz normalen Familienleben teilnehmen. Morgens gibt es frische French Toast für alle. French Toast, also Toast in Ei getunkt und gebraten wird in Kanada klassisch mit Ahornsirup verspeist. Vom Sohn lernen wir, dass man am besten Löcher in den Toast macht, damit mehr Sirup aufgenommen werden kann. Das Ganze ist eine süß-fettige Angelegenheit, die uns lecker schmeckt und wir bestimmt auch mal machen. Kerrons Grundstück liegt am Ende der Straße und ist 40 Hektar groß. Eine Vorstellung von dieser Größe bekommen wir bei einem Spaziergang auf dem Grundstück, es gibt einen eigenen Teich/See und im Winter Wege zum Langlaufen. Auch Schlittschuhlaufen ist kein Problem. Wald für Holz zum Heizen gibt es mehr als genug, der passende Traktor ist natürlich auch nicht weit. Für die beiden Hunde könnte es nichts Schöneres geben. Langweilig wird es auch der Familie nicht: Kanufahren, Angeln etc. gehören zum Standardwochenendprogramm. Außerdem sind alle begeisterte Musiker und es wird Klavier, Gitarre und Didgeridoo gespielt und gesungen. Das Haus haben sie selbst gebaut, inklusive Sprengung der Felsen etc. Die jüngste Tochter fängt in Halifax an zu studieren und die Familie muss die 12.000 Dollar Studiengebühren pro Jahr zusätzlich zu den monatlichen Lebenskosten tragen, eine enorme Belastung vor allem bei mehr als einem Kind, jedoch können Studienkredite und diverse Stipendien/Zuschüsse die Belastung mindern. Insbesondere der Druck auf die Kinder wird erhöht, schnell und effizient zu studieren. Für uns ungewohnt und unvorstellbar, können viele Studierende in Deutschland sich doch deutlich mehr Zeit lassen ohne die Eltern gleich in den Ruin zu treiben. Obwohl das Haus gefühlt mitten im Nirgendwo liegt, arbeiten Kerron und ihr Mann in Ottawa. Um die Fahrzeit gering zu halten, macht Kerron einen Tag pro Woche Home-Office. Ihr Mann ist bei der Feuerwehr und arbeitet nur 7 Tage pro Monat. Fire fighter ist übrigens einer der angesehensten und bestbezahlten Berufe hier.

Der Besuch bei Kerron war für uns erholsam und schön. Mal wieder „Kind“ sein zu dürfen und gefragt zu werden, wann man sonntags aufstehen möchte und was man frühstücken will, das gab es schon lange nicht mehr. Der Familienalltag hier ähnelt in vielem dem Deutschen und wir sind froh, dass wir das erleben durften. Außerdem wurden wir mit Kartenmaterial und Reisetipps ausgestattet. Deshalb nochmal ein herzliches Dankeschön an Kerron und ihre Familie für dieses Stück Heimat!

Algonquin Park – vom Kanufahren und dem fast verlorenen Topf

Bevor wir uns nach Toronto in die Stadt wagen wollen wir nochmal frische Luft schnappen und fahren in den Algonquin Park, der quasi auf dem Weg liegt. Ende August ist hier schon Nebensaison und wir sind fast die Einzigen Gäste. Bei den Algonquin Outfitters leihen wir uns ein Kanu und paddeln den ganzen Tag auf dem Lake Opeongo. An den Ufern gibt es zahlreiche Camping- und Picknickplätze und scheint bei den Kanadiern sehr beliebt für Wochenendausflüge. Wir finden einen tollen Anlegeplatz bei dem wir unser großzügig gepacktes Lunchpaket in Rekordzeit verspeisen, paddeln macht hungrig stellen wir fest.

Bei der Wanderung um den Biberteich bewundern wir den Staudamm und dürfen dem Biber direkt bei der Arbeit zuschauen. Der Stausee verändert die Umwelt maßgeblich und bietet dem Biber einen sicheren Lebensraum. Im Sommer, weil er hier Seerosen frisst und sein sicheres Revier nicht verlassen muss, im Winter, weil er in seinem Damm leben kann. Gleichzeitig dient der See als Lebensraum für Frösche, Mosquitos, Elche (die Mosquito-Larven fressen) uvm.

Abends folgt dann eine böse Überraschung. Wir hatten unsere Stühle und den geliebten Dutch Oven an unserem Platz gelassen, da wir beides am Abend wieder benutzen wollten. Erwartet werden wir von einem leeren Platz, unsere Sachen verschwunden. Bei der Parkverwaltung wusste niemand etwas, unsere Hoffnung, dass die Mitarbeiter nur „aufgeräumt“ haben schwindet. Der Abend ist gelaufen, der angesetzte Brotteig umsonst und wir überlegen wie wir an Ersatz kommen könnten. Am nächsten Morgen treffen wir auf die Parkmitarbeiter und fragen sie, ob eventuell zufällig etwas weggeräumt wurde und siehe da, sie hatten unsere Sachen mitgenommen, weil sie dachten, wir wären abgereist. Wir sind überglücklich und werden in Zukunft besser aufpassen. Warum allerdings niemand in der Verwaltung etwas wusste bleibt unklar, vor allem, weil der Mitarbeiter den Anschein macht, als hätte er unseren Dutch Oven gerne behalten, „was für ein toller Topf“… Ja, finden wir ja auch!

Campingplatz in Toronto – schön gelegen im Glen Rouge Park

In Toronto erwarten wir unseren ersten Besuch von meiner Mutter, Ulli. Vorher statten wir dem örtlichen IKEA noch einen Besuch ab. Wir brauchen zwar nichts, aber der Geschmack von Köttbullar vermittelt doch immer wieder Heimatgefühle.
Für unseren Aufenthalt wählen wir den Campingplatz Glen Rouge, der in Stadtnähe, aber trotzdem recht schön im Park gelegen ist (einziger Kritikpunkt sind die meist kalten Duschen). Der Glen Rouge Park soll bald zum Nationalpark werden, direkt neben dem Campingplatz starten auch einige Wanderwege.

Wir tauschen Geschichten von unterwegs und zu Hause aus, denn nach 2 Monaten gibt es eine Menge zu erzählen. Wir kaufen ein, stocken unsere Vorräte auf, erkunden die Umgebung, kochen, backen und sitzen abends am Lagerfeuer. Das Wetter ist für die Jahreszeit ungewöhnlich warm, besser gesagt heiß und kommt uns sehr zu Gute, immerhin schlafen wir zu dritt im Hottahü und sind aus Platzgründen noch mehr als sonst auf das Draußensein angewiesen. Besonders gut gefällt uns die Nähe zum Lake Ontario, in dem wir gleich zweimal schwimmen gehen. Die wahnsinnige Weite und auch die Wellen erinnern uns viel mehr an ein Meer. Den Nationalfeiertag (Labour Day), der erste Montag im September verbringen wir ebenfalls am Lake Ontario, gemeinsam mit vielen Kanadiern, die hier mit Kind und Kegel anrücken, den Grill aufbauen und das Wetter genießen. Bei so vielen Menschen hatten wir fest mit einer Imbissbude gerechnet und wurden bitter enttäuscht, kein Imbisswagen weit und breit! Schlecht vorbereitet haben wir natürlich nichts zu essen dabei und müssen dem Hunger folgend bald wieder nach Hause…

Toronto City

Einen Tag wollen wir uns in das Geschehen der Hauptstadt Ontarios stürzen. Wir steigen an der Union Station aus und schlendern an der Waterfront entlang, dann machen wir einen gemütlichen Spaziergang durch die Stadt, trinken Kaffee und landen schließlich im Eaton Shopping Centre. In diesen sogenannten Malls konzentrieren sich alle Geschäfte, denn die uns bekannten Innenstädte gibt es hier quasi nicht. Es gibt alles was das Shopping Herz begehrt, aber mit begrenztem Platz im Auto und Reisebudget fällt es uns leicht, nicht zuzuschlagen. Außerdem machen wir Bekanntschaft mit dem Nahverkehrssystem TTC: als Tagesticket werden Papierkarten verkauft, bei denen man Tag und Monat freirubbelt, Magnetstreifen oder Ähnliches Fehlanzeige. Gültig ist es an Wochenenden immerhin für zwei Erwachsene und 4 Kinder (12 Dollar). Fahrkartenautomaten oder gar Fahrpläne oder eine Routenübersicht an den Bushaltestellen gibt es nicht. Beim Umsteigen in die U-Bahn müssen wir unser Papierticket an dem einzigen besetzten Schalter vorzeigen, wie der Andrang hier zu Stoßzeiten aussieht wollen wir uns lieber gar nicht vorstellen. Auf dem Heimweg werden wir dann erneut überrascht, unser Ticket gilt ausschließlich für den TTC, den Expressbus der GO Transit Gesellschaft können wir somit leider nicht nutzen. Von einer Stadt von Welt wie Toronto hätten wir definitiv ein moderneres und verständlicheres Verkehrssystem erwartet, bei dem man auch von außerhalb in die Stadt pendeln kann.

Die letzten Tage zu dritt verbringen wir gemütlich außerhalb der Stadt. Wir finden raus, warum unsere Wäsche bisher nie sauber wurde (Maximaltemperatur = ca. 35 Grad), daher ist mit deutschem Waschmittelpulver nichts zu erreichen außer weiß gefleckte Kleidung. Auch die Cafés der Umgebung machen wir unsicher, ausversehen kaufen wir eine Nierenpastete. Wir hören nicht richtig hin und denken bei kidney sofort an leckere Bohnen, na sowas. Lecker wars trotzdem.

Was bleibt

Am Flughafen heißt es dann mal wieder Abschied nehmen. Von Ulli und unserem überschüssigen Gepäck (Campingtisch, erster Reiseführer, Rucksack…) müssen wir uns zwar trennen, nicht so von den neu gewonnenen Rezeptideen. Wir haben gemerkt, dass unsere anfängliche Neugier bei der Lebensmittelauswahl stark vom Pragmatismus abgelöst wurde, bzw. in Ontario das Angebot auch deutlich vielseitiger ist. Umso besser, dass die neu getesteten Gerichte für gut befunden und bereits in unser Repertoire übernommen wurden. Unter anderem haben wir die lilanen Kartoffeln einstimmig zur neuen Lieblingssorte gewählt (gelbe Farbe wie „normale“ Kartoffeln und den leckeren Geschmack von Süßkartoffeln). Vielen Dank für die schöne Zeit liebe Ulli und auf ein baldiges Wiedersehen!

Paket aus der Heimat

Eine Sache hält uns noch immer in Toronto, obwohl es uns längst wieder in die Natur zieht. Wir warten auf ein Paket, dass am nächsten Tag mit der Lufthansa Cargo ankommen soll. Pünktlich kommt der Frachter und das Paket an, also nichts wie hin zum Frachtterminal. Wir müssen uns durchfragen und bekommen schließlich eine Wegbeschreibung zur 20 Minuten entfernten Lufthansa-Abfertigung. Bei der Spedition bekommen wir die Papiere mit denen wir beim Zoll vorständig werden. Zum Glück ist es schon 21.30 Uhr, also 30 Minuten vor Feierabend, da fragt keiner mehr so genau. Als wir erzählen, dass wir nur ein Touristenvisum haben und bald wieder weg sind kriegen wir sofort unseren Stempel. Zurück bei der Spedition bekommen wir schließlich unser Paket ausgehändigt. Hauptsächlich werden hier Paletten mit allerlei Lebensmitteln transportiert, auch Hunde stehen in der Frachthalle, unser Mini-Paket ist eine absolute Ausnahme. Wir sind froh, dass unsere Abholung problemlos geklappt hat, wenn man denn von den 75 Dollar Speditionsgebühr absieht. Nun hält uns nichts mehr in Toronto. Es ist zwar schon nach 22 Uhr, aber wir beschließen dennoch aus der Stadt zu fahren und brechen auf gen Norden, auch das Paket soll erst am nächsten Tag im Licht und aller Ruhe geöffnet werden…

Reisezeit: 27.08. – 09.09.2016
Gefahrene Kilometer: 1051 km

Algonquin Park – Carleton Place – Mississippi Mills – Ottawa – Toronto

Eine Antwort zu “Ontario I – Familienzeit”

  1. Liebe Katrin und lieber Till.
    Vielen Dank für den schönen Beitrag und die schönen Bilder. Habe mich sehr darüber gefreut.
    Es war für mich eine wunderschöne Erfahrung, mit Euch ein kleines Stück im Hottahue zu reisen. Vielen Dank dafür..
    Finde es auch prima, dass die Rezepte so gut angekommen sind und Euren Speiseplan ergänzen.
    Ich wünsche euch eine gute Weiterfahrt.
    Bis bald.
    Gaaanz liebe Grüße
    Eure Ulli

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