Yukon – von Goldgräbern, Karibus und eisigen Zeiten

Der Dempster Highway führt an den nördlichsten Punkt Kanadas und über den Polarkreis. Mitten durch das Yukon Territory. Von Anfang an stand der Dempster Highway auf unserer absoluten Must-See-Liste für Kanada. Nun ist es allerdings Ende November, es ist eisig kalt und wir wissen nicht ob und wie wir bei winterlichen Verhältnissen den Polarkreis überqueren können…

Schilderwald in Watson Lake

Wir überqueren die Grenze zum Yukon Territory und kommen im wahren Norden von Kanada an. Larger than life soll es hier sein. Wir kommen vom Stewart-Cassiar Highway aus dem Süden und treffen kurz vor Watson Lake auf den Alaska Highway. Schon von weitem sehen wir den Schilderwald, den sogenannten Sign Post Forest.

Angefangen hat diese Tradition, als 1942 ein amerikanischer Soldat Heimweh hatte und während Bauarbeiten das erste Schild in Richtung seiner Heimat aufstellte. Mehr als 100.000 Reisende sind seinem Vorbild gefolgt und längst ist hier ein Wald aus Schildern aller Art entstanden. Auch ein Ortsschild von Hüttengesäß und Alzenau entdecken wir, neben einem deutschen Nummernschild mit gültigem TÜV. Aus einer Holzplatte, die wir noch übrig hatten basteln auch wir im Auto schnell ein Schild und hängen es auf. 7214 km Luftlinie bis nach Hanau, gar nicht so weit, wenn man bedenkt das wir in Kanada bisher knapp 20.000 km zurückgelegt haben.

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Whitehorse

In Watson Lake ist sowohl das Besucherzentrum als auch das Northern Lights Centre bereits geschlossen, deswegen fahren wir direkt weiter nach Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon Territory. Größer als erwartet, bietet die Stadt alles wir brauchen. Die erste Anlaufstelle ist das zum Glück ganzjährig geöffnete Besucherzentrum. Der Besuch hier ist für uns besonders wichtig, da wir Informationen über den Dempster Highway besorgen wollen, die einzige Straße in Kanada, die den Polarkreis überquert mit guter Chance Nordlichter und Karibus zu sehen. Der Dempster soll landschaftlich sehr schön sein und zählt zu Kanadas „Traumstraßen“. Klar, dass auch wir ihn gerne fahren möchten. Der Highway ist zwar offiziell ganzjährig befahrbar, aber die beiden Fähren auf der Strecke werden irgendwann Ende Oktober geschlossen, da die Flüsse zufrieren müssen und die Straße erst wieder als Eisstraße (Iceroad) geöffnet wird. Die zwei älteren Damen im Besucherzentrum sind sehr nett und besonders eifrig beim Prospekte verteilen. Leider können sie uns ansonsten nicht wirklich weiterhelfen. Immerhin erhalten wir den sehr praktischen Travelogue, ein Logbuch in dem der Dempster Highway kilometergenau beschrieben wird und der viele Hintergrundinformationen enthält. Außerdem dürfen wir unsere Wasserkanister hinter der Theke füllen.

Abwägen und Entscheiden

Als wir wieder im Auto sitzen überdenken wir unsere Situation. Von Whitehorse sind es über 1220 km bis nach Inuvik, dem Ende des Dempster Highway, 735 km davon sind Schotterstrecke. Es hat die letzten Tage geschneit und der Straßenzustand ist mit „komplett schneebedeckt“ angegeben. Wir haben zwar ein Fahrzeug mit Allradantrieb und hatten bisher gute Erfahrungen auf Schnee und Eis. Allerdings haben wir MT-Reifen ohne Winterzulassung, die in BC sogar Pflicht ist. Wir haben nur ein Ersatzrad und kaum Erfahrung wie es ist größere Strecken auf geschlossener Schneedecke zu fahren. Dazu kommt, dass die Fähren jederzeit eingestellt werden könnten. Was, wenn wir auf der falschen Seite tagelang warten müssen? Was, wenn bei -20 Grad die Standheizung ausfällt? Was, wenn wir auf einer 735 km langen Strecke ohne Handyempfang eine Panne haben? Im Sommer sind genug viele hilfsbereite Leute unterwegs, aber vielleicht kommt hier Mitte Oktober tagelang niemand vorbei? Winterreifen zu kaufen wäre unrentabel, da unsere Reifen so gut wie neu sind und wir im Sommer damit sehr zufrieden sind (und uns dann wiederum über wintertaugliche ATs ärgern würden). Beim Canadian Tire kaufen wir schließlich Schneeketten, um uns an vereisten Steigungen helfen zu können. Wir schauen nochmal in die Wettervorhersage: für die nächsten Tage ist Traumwetter vorhergesagt, Sonne, Sonne, Sonne (und vor allem Kälte, unter -20°C)! Wenn wir den Highway in gutem Zustand fahren wollen, dann ist jetzt der passende Zeitpunkt. Im Yukon sind Winterreifen keine Pflicht, damit fällt auch das Versicherungsproblem weg. Die Ketten geben wir direkt am nächsten Morgen zurück. Der Plan sie als Backup mitzunehmen und in einer Woche wieder zurückzugeben scheitert wegen dem eingeschränkten Rückgaberecht von 3 Tagen. Sie wären sowieso keine Dauerlösung für eine 1500 km lange Fahrt gewesen. Wir beschließen auf unser Glück und vor allem auf das Hottahü zu vertrauen, es ist in einem einwandfreien Zustand und hat uns noch nie im Stich gelassen. Die Entscheidung fühlt sich gut und richtig an!

Von Whitehorse bis zum Dempster Highway

Wir planen ca. 1 Woche für den Weg nach Inuvik, einen Besuch in Dawson City und die Rückfahrt auf gleichem Weg. Beide Tanks füllen wir bis zum Anschlag, genauso wie die Essensvorräte. Dann geht es los. Zunächst auf dem Klondike Highway. Als erster Halt bietet sich die Braeburn Lodge an, die bekannt für ihre tellergroßen Zimtschnecken ist. Genau zur Mittagszeit kommen wir an und werden von einem grummeligen Mann mit Bart und 4 Hunden mürrisch gefragt was wir denn wollen, offensichtlich ist er nicht mehr auf Gäste eingestellt. Die Zimtschnecke (eine reicht tatsächlich für uns beide) bekommen wir trotzdem und essen sie direkt vor Ort. Bei den Five Finger Rapids sieht man die gefährlichen Stromschnellen, die früher von Goldgräbern auf dem Weg nach Norden überwunden werden mussten und viele Boote kentern ließ. Der Wanderweg der nach unten führt ist schneebedeckt und außer vielen Tieren sind wir die ersten die hier Spuren hinterlassen.

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Auf dem Dempster Highway über den Polarkreis

40 km vor Dawson City zweigt der Dempster Highway ab. Direkt am Abzweig befindet sich noch eine Tankstelle, bei der wir nochmals volltanken bevor es losgeht. Bereits nach 70 km beginnt der Tombstone Mountain Territorial Park, mittendrin der Wanderweg Grizzly Ridge Trail, den wir bergauf bis zu einer tollen Aussicht laufen. Der Tombstone Mountain Campground hat zwar längst geschlossen, darf aber offiziell benutzt werden, ein Angebot, das wir auf dem Rückweg nutzen werden. Heute haben wir noch Zeit im Hellen und beschließen noch einige Kilometer zu fahren und den North Fork Pass zu überqueren, mit 1300 m der höchste Punkt der Strecke. Kilometerlang fahren wir auf einer Hochebene, umgeben von weißen schneebedeckten Bergketten, weit und breit kein Zeichen von Zivilisation. Abgesehen von der Schotterstraße, die sich durch die Berge windet und deren Verlauf man kilometerlang im Voraus sieht. Wir fahren hier in der Abenddämmerung und werden von einem rot glühenden Horizont begleitet. Die Wettervorhersage hat Recht behalten und wir sehen tagelang kein Wölkchen am Himmel.

Eisige Kälte

Für die erste Nacht auf dem Dempster finden wir eine freie Fläche neben der Straße. Um sicher zu gehen, dass sich unter der Schneedecke kein See befindet graben wir den Schnee kurz um bis wir auf Erde stoßen, dann erst ist der Platz ist genehmigt. Unsere erste Nacht auf dem Dempster soll gleichzeitig auch die kälteste werden. Wir haben nur ein analoges Thermometer, das morgens -22°C anzeigt, der Zeiger steht am Ende der Skala. Tiefststand für uns und das Thermometer. Wir fragen uns, warum in Kanada Thermometer verkauft werden, die nicht weiter als -20°C messen können. Die Vorhersage für die Nacht lag bei -25°C. Wie kalt es tatsächlich war wissen wir nicht, nur, dass es eisig war. Nachts sehen wir dann aus unserer Dachluke die schönsten Nordlichter. Rausgegangen sind wir nicht, weil keiner die Wärme des Betts verlassen wollte. Wir haben natürlich eine Standheizung, ohne die wir auch ganz sicher nicht so weit in den Norden gefahren wären. Mitten in der Nacht werden wir von einem nicht enden wollenden Piepton geweckt. Irritiert stellen wir fest, dass sich die Standheizung ausgeschaltet hat und nicht mehr startet. Die Batteriespannung sinkt bei Kälte so weit, dass sie nicht mehr ausreicht, um die Heizung die ganze Nacht über zu betreiben. Daran hatten wir überhaupt nicht gedacht… Gut, dass wir uns vorher vollgetankt haben, so können wir den Motor die restliche Nacht durchlaufen lassen. Eine Batterie im Innenraum wäre die Lösung für unser Problem, nur das wir die jetzt nirgendwo mehr besorgen können. Die nächsten Tage schlafen wir also mit laufendem Motor. Das hat gleichzeitig den Vorteil, dass wir unbesorgt sein können, ob das Auto morgens wieder anspringt. Glücklicherweise verbraucht der Motor nur einen Liter Sprit pro Stunde, weniger als befürchtet. Auch unser Gaskocher gibt bei diesen Temperaturen trotz vorwärmen einfach auf und friert am Tisch fest. Gut, dass wir mit Spiritus ein zweites System haben und morgens nicht auf den Kaffee verzichten müssen.

Am nächsten Tag kommen wir nach Eagle Plains, eine „Siedlung“ mit 9 Einwohnern, die aber alles bietet was man braucht: eine Zapfsäule und ein Hotel/Restaurant/Camping. Wir essen eine Suppe im Restaurant und fahren dann gestärkt weiter. Kurze Zeit später entführt uns die Straße in einen Märchenwald. Kleine Nadelbäume mit Hauben aus Schnee. Die Bäume sehen aus, als wären sie einem Märchenbuch entsprungen. Die Büsche sind verschneit und vereist, alles vor einer Kulisse des strahlend blauen Himmels. Trotz Kälte steigen wir immer wieder aus, um Bilder zu machen.

Über den Polarkreis

Wir schaffen es tatsächlich zum Arctic Circle, fast hätten wir selbst nicht daran geglaubt. Im Hintergrund sehen die Ogilvie-Berge aus wie Schneedünen. Wir fahren durch eine Hochebene und kommen bald an die Grenze der Northwest Territories. Das Territorium hat doch tatsächlich amtliche Nummernschilder in Form eines Eisbärs! Von knapp 1000 Höhenmeter fahren wir runter auf Meereshöhe und kommen am Peel River an, wo die erste Fähre auf uns wartet. Abends um 18.30 sind wir die einzigen Mitfahrer und die Fährfrau erzählt, dass wir gerade verpasst haben wie Ansässige gerade ihre Netze zum Eisfischen ausgelegt haben. Schade, das hätten wir natürlich gerne gesehen. Wir erfahren auch, dass diese Fähre ohne Probleme bis Mitte Dezember fährt und nur die zweite Fähre Probleme macht. Vielleicht fährt sie noch ein oder zwei Tage, das könne man nicht voraussagen.

Schauspiel am nächtlichen Himmel

Die Nacht verbringen wir zwischen den Fähren auf dem bereits geschlossenen Campingplatz Nitainlaii, niemand außer uns ist da. Abends und nachts können wir dann wieder Nordlichter schauen. Es ist wieder wärmer (~-15°C) und wir wagen uns nach draußen. Über den gesamten Himmel sind sie zu sehen, von Horizont zu Horizont, wie ein riesengroßer Regenbogen. Ständig verändern sie ihre Form und Intensität und sind einfach wunderschön anzuschauen. Bei Angehörigen der First Nations aus Kanada werden sie als Götter gesehen, die sich nach dem Wohlergehen der Völker erkundigen. Dagegen wirkt die wissenschaftliche Erklärung entzaubernd und wird dem Schauspiel in keinster Weise gerecht: geladene Teilchen von der Sonne (meist Elektronen) reagieren beim Eintreffen von der Magnetosphäre in die Erdatmosphäre mit Sauerstoffatomen, wodurch grünes Licht emittiert wird.

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Fährfahrt durch Eisschollen

Ende Oktober merken wir hier die kurzen Tage, um 9 fahren wir in der Morgendämmerung los und abends kommen wir um ca. 18.30 gerade vor dem Dunkelwerden an. Eigentlich auch ganz schön, denn im Sommer haben wir den Aufbruch nie vor Sonnenaufgang geschafft. Wir fahren zur MacKenzie Fähre, bei der schon einige Fahrzeuge anstehen und wir warten müssen. Die Fähre fährt, aber hat sichtlich Schwierigkeiten. Der Fluss ist teilweise zugefroren, Eisschollen müssen mit dem Schneidbrenner oder Bagger zerkleinert werden, manchmal treibt die Fähre in der Eisscholle mit, um dann im richtigen Moment wieder aus ihr herauszufahren. Wir staunen nicht schlecht, als wir die Eisschollen so nah sehen und miterleben, wie die Fähre sich durchkämpfen muss. Wir erfahren, dass die Fähre am Vortag nur bis abends um 7 gefahren ist, bei schlechten Bedingungen kann der Betrieb jederzeit eingestellt werden. Deshalb heißt es für uns, dass wir am gleichen Tag bis Inuvik und abends wieder zurückfahren. Wir wollen nicht riskieren auf der falschen Seite für einige Tage/Wochen festzusitzen, bis der Fluss wieder passiert werden kann.

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Der nördlichste Punkt der Reise

Der Weg nach Inuvik ist landschaftlich weniger reizvoll, Inuvik selbst ist ein kleines Industriestädtchen und dabei der nördlichste Punkt, den wir auf unserer Reise erreichen. Alle Häuser wurden wegen dem Permafrostboden auf Stelzen gebaut. Beheizte Häuser würden sonst das Eis schmelzen und die Häuser zusammenfallen. Auch der Dempster Highway wurde aus diesem Grund auf aufgeschüttetes Schotterbett gebaut, alles im Winter. Die Stadtbewohner erzählen stolz, dass sie so nördlich sind, dass sie nach Süden schauen müssen, um Nordlichter zu sehen. Sogar die Satellitenschüsseln sind auf den Boden gerichtet. Auch die Iglukirche besichtigen wir. Sonst haben zu dieser Jahreszeit alle Restaurants geschlossen, deswegen sind wir nicht traurig gleich wieder fahren zu müssen. Immerhin, sogar einen Sticker finden wir bei der Stadtverwaltung. Auch hier werden wir sehr merkwürdig angeschaut, sind wir doch zu dieser Jahreszeit die einzigen Reisenden, die es bis hierher geschafft haben.

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Ab jetzt geht es nur noch Richtung Süden

Der Rückweg klappt problemlos, die Fähre fährt bis abends, allerdings müssen wir 1,5 h warten, bis sie sich von der Gegenseite ihren Weg frei geschafft hat. Mit Einbruch der Dunkelheit und begleitet von Nordlichtern kommen wir wieder auf unserem Standplatz an. Am nächsten Tag wird der baldige Ausfall der Fähre angekündigt, zwei Tage später stellt sie schließlich den Dienst ein. Das war perfektes Timing! Um die Iceroad erleben zu können muss man dann allerdings im wirklichen Winter kommen und dann wird es nicht warme -20°C sondern richtig kalte -40°C.

Bisher hatten wir eine wunderbare Zeit auf dem Dempster Highway, trotz Kälte sind wir gut gelaunt und erfreuen uns an der Natur, sogar einen Wolf sehen wir, der neben der Straße auf einem zugefrorenen See steht. Alles wäre perfekt gewesen, wenn da nicht die Sache mit den Karibus gewesen wäre. Zwei Karibuherden bewohnen das Gebiet, eine davon ist die Porcupine Karibuherde, die ihr Winterquartier hier hat. Mehr als 100.000 Tiere soll es geben. Während sie sich im Sommer weiter nördlich aufhalten und man sie nur sehr selten sieht, soll man von September bis Mai eine sehr gute Chance haben. Schon am ersten Tag haben wir viele Pickups mit Schneemobilen gesehen, die vermutlich zur Karibujagd dort waren. Alle Leute fragen uns als erstes, ob wir schon Karibus gesehen haben und gucken verwundert, wenn wir verneinen. Immer wieder halten wir an und suchen mit dem Fernglas die Umgebung ab. Leider erfolglos, zumindest die ersten 1400 km…

Als wir schon nicht mehr daran glauben sehen wir 100 km vor Ende des Highways eine Herde. Einige Tiere sind mit einem stattlichen Geweih ausgestattet, majestätisch und scheu laufen sie vor uns über die Straße. Vielleicht 20 bis 30 Tiere sind es. Wir freuen uns riesig! Später erfahren wir, dass unsere gesichtete Herde wirklich sehr klein war und man durchaus Herden von mehreren hundert oder gar tausend Tieren beobachten kann. Unsere Freude kann das aber nur geringfügig trüben.

Unsere Befürchtung, der Dempster Highway wäre zu dieser Jahreszeit wenig befahren hat sich nicht bestätigt. Einige LKW und auch Pickups haben wir gesehen, aber wir tatsächlich die einzigen Reisenden. Unglaublich, denn die Landschaft ist auch im Herbst mehr als sehenswert und hat für uns einen ganz anderen Reiz als im Sommer. Im Falle eines Falles wäre uns bei einer Panne sicherlich geholfen worden. Auch der Straßenzustand war in Ordnung. Meist schnee- und eisbedeckt, aber mit niedrigem Reifendruck und Allrad hatten wir an keiner einzigen Stelle Probleme, obwohl wir auf den Pässen einige LKW mit Ketten gesehen haben.

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Dawson City – die ehemalige Goldgräberstadt

In Dawson City fand der letzte große Goldrausch statt, nachdem 1896 das erste Gold entdeckt wurde. 100.000 Menschen haben sich zu Fuß und per Boot auf dem Yukon River durch unwegsames Land gekämpft, um bis hierher zu kommen. Manche haben ein Vermögen gemacht, andere gingen leer aus. Das erste legale Kasino Kanadas und legendäre Saloons gab es hier, jeden Abend wurde Goldstaub im Wert von 50 Dollar auf dem Boden zusammengekehrt. Einige Gebäude wurden restauriert, sodass man beim Spazieren durch die Altstadt noch einen kleinen Eindruck von dem Goldrausch bekommt.

Der Zeh im Cocktail

In Dawson City wartet außerdem noch eine Skurrilität auf uns und zwar der berühmte Sourtoe-Cocktail. Um in den seit 1973 bestehenden „Club“ aufgenommen zu werden, muss ein Getränk mit einer mumifizierten, menschlichen Zehe getrunken werden. Der Zeh muss beim Trinken die Lippen berühren. Hin und wieder wird der Zeh verschluckt oder verschwindet, aber es scheint genügend freiwillige Spender zu geben, sodass immer Ersatz bereitliegt. Natürlich mache ich bei diesem Spaß mit und halte kurze Zeit später meine Urkunde und Mitgliedskarte in den Händen.

Unser „Vergehen“. Um durch die Stadt zu schlendern parken wir unser Auto etwas außerhalb auf einer großen schneebedeckten Fläche neben der Straße und laufen in die City. Nicht schlecht staunen wir, als wir nach 2 h einen Zettel an der Windschutzscheibe finden. Wir wurden tatsächlich von der lokalen Polizei verwarnt. Unser Vergehen: Unerlaubtes Parken neben der Straße. Hinten ist handschriftlich eine Telefonnummer vermerkt und der Hinweis, bei Fragen sollen wir vorbeikommen. Natürlich fahren wir direkt zur Polizei und erfahren, dass sie von der Stadt angehalten werden, gegen jedes Vergehen vorzugehen. Dabei ist der erste Schritt eine Verwarnung. Wir entschuldigen uns und erklären, dass das Parkverbot für uns nicht ersichtlich war. Immerhin deuten Fahrspuren und das Schild „Nicht Übernacht Parken“ unserer Meinung nach eindeutig auf einen Parkplatz hin. Die Sache war damit erledigt, wahrscheinlich waren sie froh, überhaupt mal ein „Vergehen“ verzeichnen zu können, Dawson City scheint längst kein heißes Pflaster mehr zu sein.

Vor Dawson City gucken wir uns dann noch die ursprüngliche Gold Fundstelle am Bonanza Creek an. Kurz dahinter kann sogar noch selbst Gold geschürft werden (was uns bei diesem Wetter definitiv zu kalt ist). Auch ein industrieller Bagger steht hier noch (Dredge No. 4), der früher 25 kg Gold am Tag aus dem Fluss geholt hat. Kurz hinter dem Ortsausgang tanken wir bei der günstigen AFD Cardlock Tankstelle nochmals voll und machen uns auf den Rückweg nach Whitehorse.

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Wie froh wir sind, dass wir die Reise bis über den Polarkreis angetreten haben. Nicht eine Sekunde haben wir die Entscheidung bereut und wurden mit grandiosen Nordlichtern, Landschaften und Tierbegegnungen belohnt. Die Kälte haben wir besser verkraftet als wir je gedacht hätten, richtig gefroren haben wir eigentlich nie. Dennoch sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Bis -10°C ist alles bestens, man gewöhnt sich schnell an die permanente Kälte und kann ins geheizte Auto flüchten, wenn es doch mal zu kalt wird. Alles was unter -10°C liegt führte bei uns allerdings zu Einschränkungen. Dazu zählen zugefrorene Wasserleitungen im Zu- und Ablauf, Eisschollen in den Wasserkanistern, gefrorene Scheiben von innen und außen, auch mit laufender Lüftung. Auch Schrauben im Fahrzeuginneren sind über Nacht vereist. Unser Gaskocher war bei diesen Temperaturen nicht mehr zu gebrauchen und wir waren froh, auf den Spirituskocher zurückgreifen zu können. Und natürlich war die ausgefallene Standheizung alles andere als optimal. Großes Glück hatten wir, dass es eine trockene Kälte war, bei nasskaltem Wetter wären wir definitiv nicht so weit gekommen.

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Reisezeit: 21.10.16 – 8.11.16
Gefahrene Kilometer: 3908 km

Watson Lake – Whitehorse – Stewart Crossing – Dempster Highway – Eagle Plains – Fort McPherson – Inuvik – Dawson City

 

10 Antworten auf “Yukon – von Goldgräbern, Karibus und eisigen Zeiten”

  1. barbara und reiner 15. November 2016 bei 07:15

    Liebe tapfere Eisengel,
    wer dieser unerbittlichen Kälte so tapfer trotzt, wird auch mit unvergesslichen Erlebnissen
    belohnt. Hut ab!
    Wir zuhause gebliebenen dürfen im Warmen sitzend in diese traumhafte Natur via Text und Bild
    eintauchen und geniessen…
    DANKE!

    Eine Frage bleibt jedoch noch offen… Wer von Euch beiden durfte das grössere Stück Zimtschnecke
    verspeisen ? ? ?

    1. Hallo ihr Lieben,
      vielen Dank für euren Kommentar. Die Frage lässt sich leicht beantworten: da wir sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg eine Zimtschnecke hatten, durfte jeder mal das größere Stück essen!

      1. barbara und reiner 16. November 2016 bei 17:48

        Das ist sehr fair!
        Da Nikolaus demnächst ansteht, werden wir – wie jedes Jahr üblich – zwei leckere Schokoexemplare für Till und Katrin einkaufen.

        Katrins ( ladies first) wird am 5. verspachtelt und Tills am 6. Dezember.
        Hoffe, dass ist o.k. – somit gibts keinerlei Futterneid – Ihr wisst schon

  2. Hallo Ihr Beiden,
    die Polarlichter sind wirklich sensationell und lassen uns vor Neid erblassen, vielleicht könnens die beiden Ollen ja mal in Norwegen, Schweden oder Finnland nachholen – da solls ja auch welche geben.
    Wir bewundern auch weiterhin Euren Mut und Eure Entschlossenheit, ganz sicher ist die gesamte positive Einstellung, die Ihr in der Reise zeigt auch ein Grund für das gute Gelingen. Wir hoffen, das Glück und die herrlichen Natur- und Tiererlebnisse bleiben Euch weiterhin treu.
    P.s.: Wer ist eigentlich der einsame Radfahrer auf Euren Fotos?

    1. Hallo ihr Lieben,
      selbst erlebt sehen die Polarlichter natürlich noch deutlich spektakulärer aus, vor allem, weil man sie dann auch tanzen sieht. Angeblich sieht man sogar manchmal welche in Deutschland?!
      Den einsamen Radfahrer haben wir nach unserer eisigen Nacht gesehen, ganz allein 740 km mit Zelt und Fahrrad unterwegs, das hat uns sehr beeindruckt!
      Viele Grüße, Till & Katrin

  3. Ulrike Kemmerer 17. November 2016 bei 14:01

    Hallo Ihr Beiden.
    Es war wieder ein so interessanter Reisebericht. Vielen Dank dafür.
    Die Bilder traumhaft.
    Finde es sehr positiv, dass Ihr Euer Wissen und Eure Intuitionen genau richtig einsetzt, somit habt Ihr z.B. Den Polarkreis positiv erlebt und ward sehr mutig, diesen ohne Schneeketten zu bereisen.
    Wünsche Euch weiterhin viel Glück 🍀.
    Herzliche Grüße
    Eure Ulli

    1. Hallo Ulli,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Wir sind sehr froh, dass wir diese Tour angetreten sind und unsere Intuition uns in die richtige Richtung geleitet hat. Die positive Einstellung war dabei sicherlich hilfreich und einige Momente werden wir ganz sicher nicht vergessen.
      Viele Grüße, Till & Katrin

  4. Hallo Ihr Zwei,

    wieder habe ich voller Spannung Euren Bericht “verschlungen” und die sensationellen Fotos dazu.
    Super!!! Und danke, dass ich teilhaben darf.

    Die “trockene” Kälte erinnert mich an eine Studienreise (1978) nach Nowgorod und St. Petersburg (damals noch Leningrad). Es war der Winter der Schneekatastrophen in Deutschland und einer der kältesten Winter seit langem in der UdSSR.
    Am Neujahrsmorgen (1.1.79) wurden in Nowgorod – 45 Grad gemessen und das war wirklich hart.
    Wir fuhren über Nacht weiter nach Leningrad. Dort angekommen, machten wir einen Stadtbummel und empfanden die Temperaturen bei Sonnenschein doch recht warm.
    Wir befreiten uns von Mützen, Schals, Handschuhen und knöpften die Mäntel auf.
    Eine Temp. anzeige am Bahnhof zeigte dann aber immer noch – 23 Grad an.
    Kaum zu glauben – aber es war ebenfalls dort eine eher trockene Kälte, die uns anders empfinden ließ.

    Nichts desto trotz bewundere ich Euch, wie Ihr mit all dem fertig werdet!
    Möge ein Schutzengel weiterhin an Eurer Seite sein…. und ihm die Flügel nicht einfrieren. 🙂

    Liebe Grüße aus Braunschweig von Ute

    1. Hallo Ute,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Wahnsinn, -45 Grad sind sicher nochmal eine ganz andere Hausnummer, auch bei trockener Kälte. Davor blieben wir zum Glück verschont. Es ist schon interessant, wie sich schon nach kurzer Zeit die Wahrnehmung verändert und man Wärme empfindet, obwohl es eigentlich noch eisig ist.
      Viel Spaß beim weiteren Lesen der Berichte wünschen wir,
      Viele Grüße nach Braunschweig von Till & Katrin

      1. … und dabei stellt sich immer wieder heraus, dass die eigene Wahrnehmung das einzig Entscheidende ist – so wie Ihr Euch ja auch von Eurer “inneren Stimme” leiten lasst!
        Und siehe da es funktioniert!!

        Was nützen gemessene Temperaturen – wenn man dennoch friert oder umgekehrt!
        Ich muss immer an die fliegende Hummel denken, die ja nach aerodynamischen Gesetzen eigentlich nicht fliegen kann…. aber sie fliegt halt doch. Hm?

        Also ist man mit der eigenen Wahrnehmung / inneren Stimme in der Regel am besten beraten. Vertraut weiterhin darauf!
        Herzliche Grüße von Ute

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